Only In New York – ein Besuch in meiner alten „Heimat“

Von Manhattan Richtung New Jersey – dazwischen der Hudson River

From top:

View from my room

Central Park

Counterfeit bags and their sellers

Eugen Freund with Carl Bernstein

Elias Bernstein and his mother ZhongMei Li

Lange war ich mir unsicher, ob ich nochmals in die Vereinigten Staaten reisen sollte. Zu oft hatte ich von VorfĂ€llen gelesen, wo selbst unschuldige Touristen bei der Einreise verhaftet und danach abgeschoben wurden. Hatten sie, wie ich etwas, nein, ein ganzes Buch geschrieben, das Donald Trump, den PrĂ€sidenten, nicht in den höchsten Tönen lobte (Mein Beitrag dazu heisst: „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – Wie Europa und die USA auseinanderdriften“, erschienen im Herbst 2025 im Wieser Verlag – der Titel ist bis heute gĂŒltig!). Auch in den Sozialen Medien war ich nicht ganz untĂ€tig. Die Einwanderungsbehörde hatte neue Vorschriften verordnet, unter anderem mĂŒssen vor der Einreise alle Kontakte mit eben diesen sozialen Medien bekannt gegeben werden. Ich hatte zwar schon seit mehreren Monaten nichts AnstĂ¶ĂŸiges ĂŒber die USA geschrieben, doch sicherheitshalber nahm ich ein Ă€lteres Handy mit, in dem keine Kommunikations-Apps geladen waren. Die Austrian Airlines brachte mich nach Newark/New Jersey (das klingt jetzt so, als wollte ich eigentlich woanders hin. Nein, das ist der Airport, ĂŒber den man am leichtesten Manhattan erreicht.) Und tatsĂ€chlich: an diesem Abend gab es keine Schlange bei der Immigration, eine Frage: „Business or tourism?“, ein Foto – und zack war ich durch. Alles dauerte nicht lĂ€nger als zwei Minuten. Gut, dafĂŒr musste ich dann auf den Koffer mehr eine halbe Stunde waren. Und auch die moderne Einweg-Bahn, die die FluggĂ€ste zum Zug bringt, machte ihrem Namen diesmal alle Ehre: der zweite Schienenstrang war demoliert, so konnte auch immer nur ein Triebwagen vom Terminal zum Bahnhof fahren.

Ich drĂŒcke auf den Knopf mit „65“ und der Lift fĂ€hrt los. 35 Sekunden dauert die Fahrt hinauf. Mein Quartier fĂŒr den New York Besuch liegt diesmal in einem Wolkenkratzer. Freunde haben mich eingeladen, bei ihnen zu wohnen, obwohl sie gar nicht zuhause sind. Beim Portier am Eingang liegt ein SchlĂŒssel fĂŒr mich bereit, der Lift saust nach oben: bis zum 47. Stock gibt es gar keinen Stopp, auch danach bleibt der Aufzug ohne Unterbrechung erst im gewĂŒnschten Stockwerk stehen. Ich steige aus, sehe mich um: rechts an der Wand steht „A bis B“, links „D“ und „C“. Ich schliesse 65 C auf. Gleich neben der EingangstĂŒr liegt ein Zettel mit Anweisungen und Hinweisen: mein Zimmer befindet sich gleich nach dem Gang rechts, der Code fĂŒr das Internet lautet soundso, fĂŒr die Heizung gibt es einen Thermostat in jedem Raum, im KĂŒhlschrank gibt es natĂŒrlich Milch und Sodawasser, „when you are hungry, take whatever you want“. Mein Schlafzimmer hat einen phantastischen Ausblick: weit in den Westen, ĂŒber den Hudson River hinweg nach New Jersey. Immer wieder queren Schiffe den Fluss von oder nach Manhattan, gelegentlich fĂ€hrt ein grĂ¶ĂŸerer Tanker langsam gegen die Strömung nach Norden.

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Ich gehe zum Abendessen in ein Lokal schrĂ€g gegenĂŒber der Carnegie Hall. Die Rezeptionistin erkennt, dass ich alleine bin und fordert mich auf, mich neben die Bar zu stellen. Kurz danach kommt ein Paar in etwa meinem Alter. Er stellt sich hinter mich und sagt: „I’m after you“. (Nur im Englischen ist das doppeldeutig: „after you“ heisst sowohl „hinter ihnen“ als auch „nach ihnen her“.) Darauf ich: „What have I done that you’re after me?“ Es beginnt eine Diskussion („Where are you from?“ „My German ancestors‘ name was Tröschler – Du you know him?“ Keine Ahnung – es stellt sich heraus, der war ein nationalistischer VorgĂ€nger der NSDAP.) Danach fragt er, ob ich alleine bin. Weil ich das bejahe, teilen wir der Rezeptionistin mit, wir hĂ€tten gerne einen Tisch fĂŒr drei. Es war der unterhaltsamste Abend seit langem. Z. B. Er: „I come from a family of bank robbers. Now my son is printing paper money with traces of gold.“ Ich: „So now you’re robbing people…“) Dann erzĂ€hlt er, dass er gerade in Mekka war, dort fĂŒr Trump gebetet hat („He is a terrible person!“). Ich erzĂ€hle ihm von meinem Buch. „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg“. Dann Ă€ußere ich einen Verdacht: „Are you with the FBI?“ Er: „How do you know?“ „So wie sie reden, mĂŒssen sie vom FBI sein!“ Darauf erwidert er: „Wenn sie zum Flughafen kommen, werde ich sie auffliegen lassen.“ „Aber ich werde ihnen nicht verraten, von welchem Flughafen ich abfliege.“ „Keine Sorge, die Leute vom FBI werden sie finden.“ Danach bietet er an, mein Abendessen zu bezahlen. Ich weise das ab. Er besteht darauf. „Ich bekomme das Geld ohnehin vom FBI zurĂŒck, und zusĂ€tzlich zahlen sie mir noch eine KopfprĂ€mie dafĂŒr, dass ich sie habe hochgehen lassen.“ Er zahlt tatsĂ€chlich. Und macht mir ein kleinwenig Sorge, was nun am Flughafen passieren wird, wenn ich in fĂŒnf Tagen abfliege. Wird man mich jetzt bei der Ausreise verhaften? Oder war das – wie ich ohnehin angenommen habe – alles nur Spass? Am Ende stellt sich heraus: es war.

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Es ist ein kalter Tag, windig, nicht mehr als ein, zwei Grad. Ich begleite eine dĂ€nische Touristin zur SĂŒdspitze von Manhattan, wir hatten beide den gleichen Weg: eine Schiffsfahrt an der Freiheitsstatue vorbei. Wir wissen, dass die billigste Art, die „Statue of Liberty“ aus der NĂ€he zu sehen, mit der „Staten Island Ferry“ ist. Ich muss allerdings bis Mittag wieder in Midtown sein, weil ich meinen Neffen, einen Anwalt, zum Essen treffen will. Als wir in der NĂ€he des Hafens sind, spricht uns ein offiziell aussehender Mann mit blauer Jacke und entsprechender Aufschrift der Hafenbehörde an. „Das dauert zwei Stunden,“ erklĂ€rt er uns, „eine dreivierte Stunde Hinfahrt, dann mĂŒssen sie dort aussteigen, auf das nĂ€chste Schiff warten und dann wieder zurĂŒckfahren.“ Das hört sich fĂŒr meinen Terminplan ziemlich knapp an. „Aber wenn sie eine Runde direkt um die Freiheitsstatue drehen wollen, dann geht das in einer Stunde.“ Wir lassen uns ĂŒberreden, trotz des hohen Preises von 50 Dollar – man lebt schliesslich nur einmal. Danach fĂŒhrt er uns zu Fuss weg vom Hafen („Do you wanna see the Charging Bull, one of the landmarks of Wall Street?“ „Nein, danke, wir wollen nur die Rundfahrt machen!“) Bei einer – nicht erkenntlichen – Bus-Station, wo schon ein paar Touristen warten, lĂ€sst er uns stehen. Der Wind blĂ€st, der Bus kommt nicht. Nach ca. einer halben Stunde steigen wir dann ein. Zu unserer großen Überraschung fĂ€hrt die Gruppe nun stadtauswĂ€rts, bis zur 40. Strasse, immer weiter weg von der unserem eigentlichen Ziel. Es stellt sich heraus, dass dort der eigentliche Abfahrtshafen fĂŒr die Rundfahrt ist. Doch kein Schiff ist zu sehen. Ein anderer FĂŒhrer weist uns in einen, wenigstens gewĂ€rmten, Aufenthaltsraum ein und teilt uns mit, er wĂŒrde uns um 11 Uhr 30 zum Schiff bringen. Ich texte meinem Neffen, dass er das Essen auf 13 Uhr verschieben soll, weil ich es frĂŒher nicht schaffen werde. Doch auch um diesmal gehen wir nicht pĂŒnktlich aufs Schiff. Wir warten wieder im Freien, es wird immer kĂ€lter. Um 11 Uhr 50, noch immer bewegt sich die Warteschlange nicht, beschliesse ich, die Reissleine zu ziehen. Ich verabschiede mich von der dĂ€nischen Touristin und gehe zu meinem Treffen. SpĂ€ter erfahre ich von ihr, dass das ganze Unternehmen drei Stunden gedauert hat. Schön hinein gelegt.

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Kein Besuch in Manhattan ohne einen Spaziergang im Central Park.
Es war der erste warme Tag in New York, ich hatte mich mit Renee Price verabredet, der Direktorin des sehr erfolgreichen Wien-affinen Neuen Museums an der Fifth Avenue. Ich ging extra etwas frĂŒher von „zuhause“ weg, der Tag war einfach zu verlockend. Die Strassen durch den Park waren voll mit SpaziergĂ€ngern, Rad- und Rollschuh-Fahrern, und auch sonst herrschte, wie soll ich es nennen, buntes und reges Treiben. Ich legte mit auf eine Bank, rollte meine Jacke als Polster zusammen und genoss die warmen Strahlen der FrĂŒhlingssonne. Die große Wiese („Great Lawn“) war noch gesperrt, sie wird erst geöffnet, wenn das Gras von den verschiedensten Ball-Spielern und all denen, die hier einen Picknick-Platz suchen, keinen Schaden mehr nimmt. Die wenigen Kaffee-HĂ€user im Park waren gut besucht, im Teich – ich war mittlerweile wieder weiter gegangen – schwammen ein paar Enten, die sich ĂŒber Brotkrumen freuten. Neben einem Roller-Skater-Platz setzte ich mich wieder hin. Zwei Ă€ltere Herren zogen ihre Kreise, einer war besonders geĂŒbt, er fuhr vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts, sogar wie ein Ballett-TĂ€nzer nur auf je einem Rad an der Spitze. Ein anderer gesellte sich zu zwei Damen, die auf der Bank neben mir saßen. Nach nicht einmal einer Minute waren sie schon beim Thema Nummer eins: Trump. Sie hatten, so viel konnte ich rasch erkennen, nicht viel fĂŒr ihn ĂŒbrig. Der Krieg sei unnötig, sagte der Mann auf den Rollschuhen, man brauche nur die Gaspreise ansehen. Wenn das so weiter geht, ergĂ€nzte er, dann werden ihm (Trump) das die WĂ€hler im Herbst (bei den Zwischenwahlen, bei denen er natĂŒrlich nicht kandidiert) heimzahlen. „Come to think of it“, wirft ein zweiter Mann, der kurz zugehört hatte, ein, „wenn der SchĂŒtze nur einen Zentimeter weiter rechts gezielt hĂ€tte, wĂŒrde heute alles anders sein!“ Er bezog sich ganz eindeutig auf das Attentat am 13. Juli 2024, als Donald Trump bei einer Rede im Freien von einem Gewehrschuss am Ohr verletzt wurde und danach sein unvergessliches „Fight, fight, fight!“ In die Menge rief. Immer wieder wird auch ĂŒber seine Nachfolge diskutiert. Was passiert, sollte Trump noch im Amt sterben? Dann fĂ€llt das Amt seinem VizeprĂ€sidenten, JD Vance, sozusagen in die Arme, danach wĂŒrde der als PrĂ€sident in den Wahlkampf ziehen. Sollte Trump jedoch bis zum Wahlkampf 2028 im Weißen Haus bleiben, wird es einen beinharten Nachfolgekampf geben – sicher zwischen Vance und Aussenminister Marco Rubio und wer immer sich noch dazu gesellt. Bis dahin wird sich auch des Feld auf der demokratischen Seite sortiert haben.



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 Canal Street war zu meiner New-York-Zeit in den frĂŒhen Neunzehn-Achtziger Jahren meine Lieblingsgegend. Dort bekam man einfach alles, ElektrogerĂ€te, Kabel, Bastelbedarf und allen möglichen junk. Mittlerweile sind vor allem die Zufahrtsstrassen voll mit schicken GeschĂ€ften, Broadway ist total gentrifiziert, frĂŒher gab es vorwiegend Galerien, jetzt haben sich dort Boomingdale’s, Madden’s Flagship Store, Uran Rivivo und dergleichen eingenistet. Gelegentlich konnte man auf der Canal eine billige Rolex erhaschen (war eh nicht Original, aber das stellte sich dann erst spĂ€ter heraus). Diesmal sind dutzende afrikanische HĂ€ndler zu sehen, die aus ihren vollgestopften Wagen, die sie hinter sich herzogen, die unterschiedlichsten Accessoires verkaufen, Handtaschen jeder feinsten Marke und GrĂ¶ĂŸe, Sonnenbrillen, Schmuck, auch Uhren, alles wohl nachgemachtes. Immer wieder blicken die VerkĂ€ufer (keine -Innen!)
nervös um sich. Einer ist am Handy, ruft den anderen etwas UnverstĂ€ndliches zu. Sofort werfen sie die restlichen Waren, die am Gehsteig ausgebreitet waren, in den Wagen, decken ihn mit einem schwarzen Tuch zu und wechseln rasch zumindest die Strassenseite. Ganz klar ist mir nicht, vor wem oder was sie flĂŒchten. Und: was macht es fĂŒr einen Unterschied, ob die Ware offen oder zugedeckt im Wagen liegt, es ist ganz klar, dass hier etwas Illegales passiert. Doch sie werden schon wissen, was sie tun. Ihre Flucht verbreitet sich in Windeseile, alle „HĂ€ndler“ innerhalb der nĂ€chsten hundert Meter packen rasch alles zusammen und ziehen ab. Die KĂ€ufer, in vielen FĂ€llen ahnungslose Touristen, die gerade ein gutes GeschĂ€ft machen wollten, oder zumindest glaubten, es sei ein gutes GeschĂ€ft, bleiben oft mit offener Brieftasche und offenem Mund zurĂŒck.

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Der eigentliche Grund fĂŒr meinen New-York-Besuch war eine Erinnerungsfeier fĂŒr meinen Freund Richard Bernstein, einem langjĂ€hrigen Korrespondenten der New York Times. Er starb vor genau einem Jahr, ich war ganz kurz vor seinem Tod noch bei ihm. Die Witwe, Zhong-Mei, eine aus China stammende Ballet-TĂ€nzerin und ihr Sohn Elias luden mich zu dieser Feier ein. Außer mir waren noch Roger Cohen, ein anderer langjĂ€hriger Freund aus der NYT und Kati Marton, ebenfalls eine bekannte US-Journalistin, dabei. Wir drei, sowie Richards Schwester, sein Neffe, sein Sohn Elias und zwei weitere Freunde, erinnerten in Reden an sein Leben, seine Arbeit, seine BĂŒcher. Im Publikum hatten sich rund einhundert Bekannte des Verstorbenen eingefunden, unter anderem auch Carl Bernstein, der berĂŒhmte Watergate-Aufdecker. Er begrĂŒsste mich we einen alten Bekannten, wir hatten uns vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung in Wien getroffen. Und er fragte mehrmals, wie es Oscar Bronner geht, dem Herausgeber des Standard. Gut, sagte ich, gut, soweit ich es weiß.

Im folgenden AuszĂŒge aus meiner Rede:


Commemorating Richard Bernstein March 21, 2026

Dear ZhongMei, dear Elias, dear friends of Richard’s!

My name is Eugen Freund and I come from Vienna.

I’m the only one with an accent here. But I am – most likely – also the only one who knew Richard for a time span of 42 years: We met in 1983 when Richard was a correspondent at the United Nations and I was press attachĂ© at the Austrian Mission to the UN. And I was lucky (as sad as this last encounter was) to be with him only a few days before he passed away a year ago. I had come with my daughter whom Zhong Mei and Richard had kindly hosted a few years ago for a couple of nights. I can’t say he was full of energy, no, he was weak, lying on his bed, expecting a physio therapist. But mentally – he was his usual self, alert as always. He told me of his latest book project: „I’m almost finished,“ he said, and added, proudly: „My publisher told me, this is the best book I’ve ever written
“

It was another book that had sparked our communication, (like most of it on e-mail): „A Girl Named Faithful Plum“ that Richard wrote in 2016. I let him know what I thought about it, and he responded: „How nice to wake up Monday morning and find your heartening e-mail. Thank you, I’ll pass it along to Zhong Mei who, I certainly agree, is fabulous.“

Twenty years ago – in fact twenty one years – I came across an article Richard had written for the NYT. He was the German bureau chief at the time and by the headline you can tell that there are no bounds when it comes to reporting from a foreign country: „In Berlin, the enigma of the pooper scooper“. I wrote a letter to the editor – not to Richard – where I stated the following: „You just substitute “Berlin” with “Vienna”, and it is the same stinking story: But Richard Bernstein should be reminded why it is so much easier to clean up after dogs in New York or Washington: newspaper delivery is spotty here and so are hardly any of the convenient plastic bags – which newspapers in the US are delivered in and which law abiding US residents use to pick up the droppings of their dogs.“ My letter wasn’t published.

Another e-Mail that Richard wrote to me: „I’ve been thinking of you, in part after years of procrastination I’ve been reading Robert Musil „A Man Without Qualities“, because, as he continued, „I find it a bit like sifting through a rich pudding looking for walnuts and when you get to one, it’s the most delicious walnut you’ve ever eaten
but it takes more work than looking for walnuts usually require
I realize this email may seem just a bit punch drunk, but don’t be alarmed, I am my usual self, just feeling a little lucid this morning
“

Another Mail:
„We arrived in China last night after an interminable airplane experience. Nothing quite like sitting in economy class while the damp flesh of an overweight Chinese oozes over the arm rest of the seat next to you
“

Speaking of Chinese: There may be a few of you at the NYT who won’t like to hear that, but Richard was very upset about the nail salon story which appeared in 2015. I don’t want to go into the details of it. We mailed our reactions back and forth. At one point he wrote: „The Times itself still acknowledges no fault, but I guess they just can’t do it. It’s a big, lumbering, self-contented beast for which critics are mice, mosquitoes maybe, annoying creatures but not big enough to make it change course.“ That’s how furious, or better, how hurt he was.

But I would like to end on a more political note which plays right into the military events we are engulfed in today. Richard wrote an article about the situation in the Middle East. It couldn’t be more farsighted, and I quote: „Imagine that Iran continues to defy UN inspectors and build nuclear weapons, something that virtually all of the partners in the Atlantic alliance say it would be essential to stop, and, in response, the administration proposes leading a military action aimed at seizing the Iranian nuclear installations.
Perhaps some would agree, but it seems virtually axiomatic that in the wake of the Iraqi fiasco it would be vastly more difficult to persuade most of them to join the US, as they were persuaded in the Gulf in 1991, Bosnia in 1995, Kosovo in 1999 and Afghanistan in 2001.“
That was from 2004.

And Richard was right, again.

Thank you very much.

Im Anschluss an die Reden fand eine wunderbare Ballett-AuffĂŒhrung statt, die ZhongMei fĂŒr ihren verstorbenen Mann und fĂŒr uns als GĂ€ste inszenierte.








„Waldheim – ein wandelndes Public Relations Desaster“

Es gibt keine Phrase, die ich so lange im GedĂ€chtnis behalten habe wie die in der Überschrift. Der Satz kam von Susan Spencer, einer US-TV-Moderatoren, die in einem Bericht ĂŒber Österreich im Jahr 1986 von „Waldheim, a walking public relations disaster“ sprach.

In keinem anderen Jahr wurden die Österreichisch-amerikanischen Beziehungen so sehr auf die Probe gestellt wie in den Jahren 1986 bis 1988. Wie konnte es passieren, dass die Wahl eines österreichischen BundesprĂ€sidenten, die zuvor kaum einen (US-)Hasen aus seinem Bau gelockt hatte, plötzlich auf so riesiges Interesse stĂ¶ĂŸt? Zwei UmstĂ€nde sprachen dafĂŒr: Kurt Waldheim war in den USA kein Unbekannter. Der ehemalige UNO-GeneralsekretĂ€r hatte es gelegentlich auch in die Schlagzeilen amerikanischer Medien geschafft, zuletzt mit seinem gescheiterten Vermittlungsversuch im Zusammenhang mit den US-Geiseln in Teheran. Doch am 4. MĂ€rz 1986 hatte die „New York Times“ –  Schlimmeres konnte man sich schwer vorstellen – seine verschwiegene Vergangenheit in der deutschen Wehrmacht aufgedeckt. „Aufgedeckt“ ist vielleicht ein zu starkes Wort, denn wer die erste Information an die angesehene Zeitung weiter geleitet hatte, ist bis heute unklar. Gleichzeitig hatte auch das „profil“ ĂŒber Waldheims Kriegsvergangenheit berichtet, die er – jedenfalls in wesentlichen Details – elegant ĂŒbergangen hatte. Ein Schwarm amerikanischer Reporter – von Nachrichtenagenturen ĂŒber Zeitungen, von Zeitschriften bis hin zu Radio- und TV-Redakteuren – fiel ĂŒber Österreich ein und berichtete – atemlos – ĂŒber jeden neuen Vorwurf, jedes neue Dokument, ob gefĂ€lscht oder nicht, jede Wendung in dieser heiklen Angelegenheit. Im Fernsehen wurden die Berichte immer wieder unterlegt mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg: Hitlers enthusiastische BegrĂŒĂŸung bei seinem Einmarsch in Wien, Juden reinigen mit ZahnbĂŒrsten die Wiener Gehsteige, KZ-Lager mit massenhaft getöteten Juden. 

Wieder einmal kommt mir gelegen, dass ich ein „JĂ€ger und Sammler“ des Journalismus geworden bin: vor vierzig Jahren liess ich mir von Freunden in New York und von Kollegen bei CBS VHS-Kassetten schicken, die „Waldheim-BeitrĂ€ge“ enthielten. Rechtzeitig bevor VideobĂ€nder nicht mehr abgespielt werden konnten, wurden sie auf DVDs ĂŒberspielt. Auf diese stĂŒtzen sich die folgenden Ausschnitte, die aufzeigen, wie sehr sich US-Journalisten damals mit Österreich beschĂ€ftigten.  

Tom Fenton, CBS News

Hier in Österreich hat keine der VorwĂŒrfe Waldheims Wahlkampagne geschadet. Mit großer Mehrheit wiesen die Österreicher die Einmischung in ihre Wahlen von sich. Im Gegenteil: die VorwĂŒrfe haben seine Chancen zu gewinnen nur vergrĂ¶ĂŸert. Zur Überraschung gehören gerade junge Menschen, die keine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg haben,  zu seinen grĂ¶ĂŸten UnterstĂŒtzern. Latenter Antisemitismus wurde an die OberflĂ€che gespĂŒlt. Seine regelmĂ€ĂŸigste Antwort auf die VorwĂŒrfe ist zu seinem populĂ€ren Wahlkampf-Thema geworden: „Ich war ein anstĂ€ndiger Soldat im 2. Weltkrieg – das ist alles, was man mir vorwerfen kann.“

NĂ€chster Tag: Tom Fenton berichtet von der Jubelfeier vor dem ÖVP-Hauptquartier in der KĂ€rntner Strasse: „Die Freudenkundgebungen der vergangenen Nacht haben einen Schlusspunkt unter die bitterste Wahlauseinandersetzung in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg gesetzt. 

Junger Mann mit Fliege: „Ich bin mir sicher, ab morgen werden GlĂŒckwĂŒnsche aus der ganzen Welt eintreffen.“

Österreichs Juden sehen sich als eigentliche Verlierer dieser Wahlen, denn sie haben die stĂ€rksten antisemitischen Tendenzen seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. 

Marta Halpert: „Also, als glĂŒckliches Land wĂŒrde Österreich im Moment nicht bezeichnen.“

Thomas Chorherr (Chefredakteur der ‚Presse‘): „Was wir nun tun mĂŒssen ist, das Bild von Österreich wieder ins rechte Licht zu rĂŒcken.“

Tom Fenton: „Um ihr Image wieder aufzupolieren, kommt auf Österreich viel Arbeit zu. Israel hat den Botschafter zurĂŒck gerufen, und es wird wohl nicht viele westliche LĂ€nder geben, die in Zukunft einen Besuch von PrĂ€sident Waldheim begrĂŒĂŸten werden.“

NĂ€chster Beitrag, ebenfalls Tom Fenton:

Intv. mit Kurt Waldheim: „Nun, wenn ich gewusst hĂ€tte, dass dieser Aspekt eines Tages gegen mich verwendet werden wĂŒrde, hĂ€tte ich es sicherlich erwĂ€hnt. Aber das ist alles eine Übertreibung. Es wird sich rasch legen
“

Simon Wiesenthal: „Ich habe schon lange vor der Wahl zwei Verlierer gesehen. Verlierer Nummer Eins: Das Image von Österreich. Verlierer Nummer Zwei: Die Juden.“

Garrick Uttley, NBC News – Vor der Stichwahl, im Bild sieht man eine Gruppe von Menschen heftig diskutieren: „So hört es sich an, wenn Skelette aus dem Keller auftauchen, und das grĂ¶ĂŸte Skelett ist der Antisemitismus…“

Eine alte Frau mit weißem Kopftuch, auf deutsch: „Der soll die Goschn halten und nach Israel gehen
“

Uttley in die Kamera: „Es gibt einen lokalen Witz hier der sagt, Österreich habe die Welt ĂŒberzeugt, dass Beethoven ein Österreicher war und Hitler ein Deutscher. Hitler war selbstverstĂ€ndlich ein echter Österreicher. In seinem Buch „Mein Kampf“ schreibt er, dass er hier in Wien zu einem Antisemiten geworden ist.“

Vor Schwarz-Weiss-Bildern vom Einmarsch der Nazis in Österreich heisst es im Text: „1938 kehrte Hitler in seinem Heimat zurĂŒck, annektierte Österreich in das deutsche Reich – er wurde wie ein Held begrĂŒsst. TatsĂ€chlich ist ein grĂ¶ĂŸerer Prozentsatz an Österreichern in die Nazi-Partei eingetreten als in Deutschland. In Wien wurden Juden gezwungen, den Gehsteig mit ZahnbĂŒrsten zu putzen. 220.000 Juden lebten in Österreich bevor die Nazis kamen, am Ende des Krieges waren es 200. Den Österreichern wurde es quasi gestattet, ihre Verantwortung (fĂŒr die Verbrechen) zu vergessen, weil schon wĂ€hrend des Krieges die Alliierten Österreich zum ersten Opfer der Nazi-Aggression erklĂ€rt hatten.“ Unterlegt mit Walzermusik sieht man Garrick Uttley vor der Strauss-Statue im Stadtpark stehen: „In der Fledermaus gibt es einen berĂŒhmten Satz, den die Österreicher gerne zitieren: ‚GlĂŒcklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu Ă€ndern ist
‘ Kurt Waldheim hat tatsĂ€chlich viel vergessen. Als seine KriegsaktivitĂ€ten in die Öffentlichkeit gelangten, hat er wenig Zorn und wenig Gewissensbisse gezeigt..“ Waldheim: „Es gibt ĂŒberhaupt keine Basis fĂŒr diese Story und daher nehme ich das auch nicht ernst.“ Simon Wiesenthal verteidigt Waldheim: „Man kann nicht jemanden etwas vorwerfen, und danach nach Dokumenten suchen. Heute werden fĂŒnf oder sechs Papiere prĂ€sentiert und dann wird versprochen, nĂ€chste Woche kommen mehr. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Und wir sollten nie Politik mit Recht vermischen.“

Dann kommt Hubertus Czernin zu Wort, der ja im Profil die ersten VorwĂŒrfe veröffentlicht hat. Er sagt, all das ĂŒberrascht ihn nicht. „Waldheim reprĂ€sentiert Österreich – und das ist traurig, wenn man das sagen muss – perfekt. Er ist derjenige, der sagt, lassen wir uns nicht ĂŒber die Vergangenheit sprechen, er sagt, ich habe jĂŒdische Freunde – er ist der perfekte PrĂ€sident. Aber es ist eine Schande.“

ABC News Peter Jennings: „Heute wird in Österreich die Stichwahl fĂŒr die PrĂ€sidentschaft abgehalten. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird Kurt Waldheim ab morgen der neue Österreichische PrĂ€sident. Wie sie ja schon seit Wochen gehört haben, sind die VorwĂŒrfe, dass Waldheim in Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg verwickelt war, DAS Thema des Wahlkampfes gewesen. ABC News Barrie Dunsmore berichtet:“ 

„Antisemitismus ist zurĂŒckgekehrt. Karl Pfeifer, ein jĂŒdischer Verleger: ‚Wir bekommen Dutzende und Aberdutzende von Briefen, mit antisemitischem Inhalt. Hier (liest aus einem Brief vor):’ Haben Sie nichts aus der Vergangenheit gelernt? Lang lebe der Antisemitismus!.’ Viele Österreicher verstehen auch nicht, wie die USA offenbar planen, Waldheim an der Einreise in die USA zu hindern, wenn es gleichzeitig viele Jahre lang Diktatoren wie Marcos in den Philippinen oder Pinochet in Chile unterstĂŒtzt hat. Eugen Freund: „Ich nenne das Heuchelei, wenn man bedenkt, wie Waldheim in den amerikanischen Medien behandelt wird. Man behandelt ihn wie einen Kriegsverbrecher.“

NPR News: „Sonntag ist Wahltag in Österreich. Ein Ereignis, das normalerweise kaum ein Interesse jenseits der Alpen erwecken wĂŒrde. aber der fĂŒhrende Kandidat ist der frĂŒhere UNO-GeneralsekretĂ€r Kurt Waldheim. Seit dem Beginn des Wahlkampfes sind eine Reihe von Anschuldigungen aufgetaucht ĂŒber Waldheims TĂ€tigkeit in der Armee Adolf Hitlers. Don Murray von der CBC (Kanada) berichtet“:

„Er hat seinen Wahlkampf damit begonnen, dass er der Mann sei, dem die Welt vertraut. Aber jetzt, am Ende, spielt Waldheim nicht mehr den beruhigenden Diplomaten. Zornig berichtet er seinem Publikum, die Welt sei dran, ihn zu kriegen. ‚Lassen sie sich nicht von AuslĂ€ndern beeinflussen, fĂŒr wen sie wĂ€hlen. Sie haben in meiner Vergangenheit herumgewĂŒhlt – es ist eine schmutzige Kampagne. Aber ich habe nichts zu verbergen. Ich war nur ein Soldat, der aus Angst gekĂ€mpft hat – die wollen eine ganze Generation in den Schmutz ziehen.’ SpĂ€ter, in einem kurzen Interview, nennt er den World Jewish Kongress, seinen Erzfeind. Und er schlĂ€gt gegenĂŒber dem Vorsitzenden Edgar Bronfman zurĂŒckk, wonach er – Waldheim – gelogen habe, was seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg und sein Wissen ĂŒber Kriegsverbrechen betrifft.

„Er ist ein LĂŒgner, nicht ich. Jeden Tag kommt er mit alten Dokumenten daher, die absolut nichts enthalten. Und er versucht verzweifelt, mich zu verunglimpfen.“

48 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur noch eine Synagoge in Wien. FrĂŒher gab es noch 200.000 Juden, denen es gut ging, jetzt sind es weniger als 8.000. Viele fĂŒrchten sich. Gefangen im Kreuzfeuer dieses Wahlkampfes, manche wĂŒnschten, dass die Vergangenheit nicht wieder hochgespĂŒlt worden wĂ€re. Ein JĂŒdischer BĂŒrger vor der Synagoge: „Wir sollten nicht vergessen, was passiert ist, aber wir mĂŒssen vergeben. Und: Hass sorgt nur fĂŒr mehr Hass.“ Leon Zelman stimmt dem nicht zu. Als Direktor des „Jewish Welcome Service“ hat er sein halbes Leben versucht, die Österreicher ĂŒber ihre Vergangenheit aufzuklĂ€ren. Er hat sich oft zu Wort gemeldet und hat hunderte antisemitische Briefe dafĂŒr bekommen. aber, so sagt er, das selbstgefĂ€llige Alibi, dass Österreicher Opfer des Nationalsozialismus waren, mĂŒsse gebrochenen werden. Er findet es deprimierend, ja geradezu tragisch, dass Waldheim sich Waldheim wieder auf dieses Alibi ausredet. „Er gibt ihnen ein Signal, er gibt ihnen Absolution – Ende der Diskussion! Verstehen Sie, was ich meine?“ In Baden, wo Waldheim seine Doktorarbeit schrieb, in der immer bewundernde Hinweise auf die Nazi-Ideologie verstreut sind, wird die Vergangenheit – Österreichs und Waldheims – nicht einfach weggeschoben. Ein Marktfrau sagt: „Wenn man die Wahrheit sagt, ist es viel besser. Wenn er von Anfang an die Wahrheit gesagt hĂ€tte, wĂ€re es besser gewesen, fĂŒr ihn und fĂŒr uns alle.“ Ein junge Frau widerspricht: „Es ist nicht fair, Dinge aus seiner Vergangenheit herauszuklauben, die keine große Angelegenheit sind. Und er hat in den vergangenen vierzig Jahren bewiesen, dass er fĂŒr den Frieden arbeitet, fĂŒr die gute Sache.“

Der andere Kandidat, Kurt Steyrer, hat von den Angriffen gegen Waldheim nicht profitiert. Er sagt, Österreichs Image haben durch diese Kontroverse großen Schaden erlitten. Aber im gleichen Atemzug sagt er, die Debatte ist keine ĂŒber Österreich, sondern eine ĂŒber seinen Gegenkandidaten. Steyrer: „ Wenn man sich die Aussagen des WJC anhört, und die Vergangenheit von Kurt Waldheim mit der Österreichs gleichsetzt, ist das ein Fehler.“ Trotz der Diskussion ĂŒber Waldheims Vergangenheit erwarten die meisten Menschen, dass er am Sonntag gewinnen wird. Aber selbst seine UnterstĂŒtzer haben Schwierigkeiten, das enthusiastisch zu begrĂŒssen. Ein höherer ParteifunktionĂ€r bezeichnete ihn als das geringere von zwei Übeln. Diese lauwarme UnterstĂŒtzung ist darauf zurĂŒck zu fĂŒhren, dass eine neue Frage auftaucht: Was passiert, wenn Waldheim gewĂ€hlt wird und dann gemieden wird, quasi unter QuarantĂ€ne steht, von Regierungen, die frĂŒher freundlich gesinnt waren.“  Michael Graff, GeneralsekretĂ€r der ÖVP, kommt zu Wort: „Österreichs Image hat gelitten, kein Zweifel und wir werden es ĂŒberwinden mĂŒssen. Aber gleichzeitig gab es PrĂ€sidenten, etwa in Deutschland, die viel tiefer verstrickt waren im Nationalsozialismus und nichts ist passiert. Also, das Thema wird aus den Zeitungen verschwinden.“ Aber im Moment dominiert die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Die freundliche Vergangenheit, wie sie Waldheim folkloristisch  in seinem letzten Wahlkampf-Auftritt beschreibt, wenn er fĂŒr strengere, sauberere moralische Werte von frĂŒher aufruft. Aber auch die verstörende Vergangenheit der Nazi-Zeit, und Waldheims Rolle dabei, die von Demonstranten und deren Plakaten wachgerufen wird, bis die Poster von zornigen Waldheim-UnterstĂŒtzern runtergerissen werden.“

CBS „60 Minutes“, das populĂ€rste Nachrichtenmagazin in den USA, berichtet ausfĂŒhrlich ĂŒber die Waldheim-Kontroverse. Der angesehene Reporter Mike Wallace, kommt nach Wien, um dort seine Reportage zu gestalten. Ein Termin fĂŒhrt ihn sogar in mein Wohnzimmer. Aber nicht um mich zu interviewen, sondern um mit Axel Corti zu sprechen, der mit seinem Film „Welcome in Vienna“ internationale Bekanntheit erlangt hatte. Mein Wohnzimmer wurde in ein Aufnahmestudio umgebaut, Scheinwerfer und zwei Kameras wurden aufgestellt, alles, was nicht ins Bild passte, abgehĂ€ngt oder umgerĂ€umt. Das Interview dauerte eine knappe Stunde, im fertigen Beitrag fand es allerdings keinen Eingang. Wallace war es wichtig(er), Waldheim ausfĂŒhrlich zu Wort kommen zu lassen.   

Waldheim: „Ich sage Ihnen etwas, das ich auch schon öfter gesagt habe: das war ein grausamer Krieg, auf beiden Seiten, wir mĂŒssen das anerkennen. Diese deutschen Soldaten hatten ihre eigenen Probleme, sie mussten sich auch verteidigen
“

Mike Wallace: „Erinnern Sie sich noch an das Interview, das sie kĂŒrzlich der BBC gegeben haben, wo es um die deutschen EinsĂ€tze gegen die jugoslawischen Partisanen ging und sie sind dabei ziemlich emotional geworden, als von den deutschen Verlusten die Rede war.“ Man sieht das BBC Material und einen aufgebrachten Waldheim: „Sie sprechen vom Leid der Partisanen, das ich zu tiefst bedaure
“  Einwurf des Reporters: „Ich spreche nicht von den harten KĂ€mpfen, ich spreche von den Verlusten
“ Waldheim lĂ€sst ihn nicht aussprechen, schlĂ€gt mit der Hand auf den Tisch: „Die deutschen Soldaten hatten auch ihre Verluste, tausende und abertausend Verluste
bitte seien sie ein wenig objektiver
“ Schnitt zurĂŒck zum Interview mit Mike Wallace. Waldheim sagt: „Das rechtfertigt nicht die Grausamkeiten, die verĂŒbt wurden..“ Mike Wallace wirft ein: „Die Deutschen waren die Invasoren, die Partisanen haben ihr Land verteidigt
“ Waldheim: „Wie können Sie mich dafĂŒr verantwortlich machen, dass dieses schöne Land ĂŒberfallen wurde. Ich war selbst ein Opfer dieser Hitler-Zeit. Ich, meine ganze Familie. Ich bin ja nicht freiwillig dorthin gegangen. Die Alternative wĂ€re gewesen, dass man mich hingerichtet hĂ€tte. Ich war dort, ja, aber ich war nicht persönlich Involviert in irgendwelchen Kriegshandlungen gegen die Partisanen. Und ich hatte keinerlei Macht, Hinrichtungen anzuordnen oder irgendwelche Vergeltungen. Ich sass im Kommandozentrum, schrieb meine Lage-Beurteilungen – das war alles, was ich machte.“ Was die Deportationen von Juden aus Saloniki betrifft – ein weiterer Vorwurf gegenĂŒber Waldheim – so wies dieser auch dabei jede Schuld und jede Mitwisserschaft von sich. Israel Singer, der GeneralsekretĂ€r des „World Jewish Congress“ behauptete im gleichen „60 Minutes“-Beitrag, er habe ein Dokument, das beweise, dass Waldheim von den Deportationen der Juden gewusst haben musste
 Mike Wallace zu Israel Singer: „Aber er (Waldheim) behauptet, er war zweihundert Kilometer vom Schauplatz entfernt..“ Israel Singer: „Diese Dokumente gingen zu einer Einheit, bei der er der AufklĂ€rungs-Offizier war
Entweder hat er seine eigenen Instruktionen nicht gelesen oder er nicht einmal seine eigenen Zeitungen, die einzige deutschsprachige Zeitung in dieser Region. Dort gibt es Fotos von 12.000 Juden, die deportiert wurden. Es ist unverstĂ€ndlich, dass er das alles nicht gelesen hat, einfach unverstĂ€ndlich. Nach all den Änderungen (in seinem Lebenslauf) von denen wir zwischen 1941 und 1945 gehört haben, ist seine GlaubwĂŒrdigkeit völlig im Zweifel – und das betrifft auch diesen Bereich.“ 

Waldheim: „Ich war wĂ€hrend der wesentlichen Deportationen nicht anwesend, ich war nicht einmal physisch anwesend in Saloniki. Bitte verstehen Sie, und ich bitte Sie eindringlich mir zu glauben, ich sage die Wahrheit.“

Kurz danach liest ihm Mike Wallace einen Absatz aus einem Artikel im Londoner „Daily Telegraph“ mit der Überschrift „Österreich, die Nazis und die Juden“ vor: „Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass Waldheim zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt wird, nicht trotz seiner Nazi-Vergangenheit sondern gerade wegen dieser Nazi-Vergangenheit.“ Waldheim: „Das ist nicht wahr. Ich war in den Umfragen immer schon vorne, von Anfang an, weil die Menschen gefĂŒhlt haben, dass ich die notwendige Erfahrung fĂŒr dieses wichtige Amt habe. Also, jetzt zu sagen, ich werde gewĂ€hlt – hoffentlich werde ich das – aber sicherlich nicht wegen dieser Episode. Das ist traurig genug, ich bedaure das
“ MW: „Sie mĂŒssen sich schon auch ein bisschen selbst die Schuld geben, weil sie nicht offen genug waren, nicht mitteilsam genug – in den BĂŒchern, die sie geschrieben haben, in den Antworten, die Sie gaben
“ Waldheim: „Ich habe das nicht aus Absicht gemacht – ich entschuldige mich bei all meinen Freunden in den Vereinigten Staaten und hier, dass ich das nicht erwĂ€hnt habe. Wenn ich sie in die Irre gefĂŒhrt habe – es tut mir leid.“

Neuerlich aufgeflackert ist das Interesse amerikanischer Medien an Österreich, oder genauer, an Kurt Waldheim, als im FrĂŒhjahr 1987 die Entscheidung des US-Justizministeriums bekannt wurde, dass Waldheim tatsĂ€chlich auf die „Watchlist“ gesetzt wurde. Damit wurde die Privatperson Kurt Waldheim nicht nur daran gehindert, in die USA einzureisen, es stellte das VerhĂ€ltnis Österreichs zu den Vereinigten Staaten neuerlich auf eine starke Probe. Unvergesslich ist mir in dem Zusammenhang geblieben, als Robert Hochner, der ZIB-2 Moderator, in einer Schaltung nach Washington den ORF-Korrespondenten Klaus Emmerich fragte, wie sehr denn den Amerikanern bewusst sei, dass sie mit dieser Entscheidung, Proteste in Österreich auslösen wĂŒrden. Emmerich darauf, kurz und schmerzlos: „Es gab einmal einen amerikanischen Film: ‚Denn Sie wissen nicht, was sie tun!‘“ 

DarĂŒber hinaus beauftragte die Bundesregierung eine Historiker-Kommission aus internationalen Experten, die Kriegs-Vergangenheit Waldheims unter die Lupe zu nehmen. Die Historiker kamen zum Schluss, dass Waldheim zwar nicht direkt an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war, jedoch viel mehr ĂŒber die Grausamkeiten gewusst haben musste, als er zugegeben hatte.  

Die TV-Gesellschaft ABC flog ihre Top-Reporter Ted Koppel („Nightline“) und Pierre Salinger (ehemals Pressesprecher von PrĂ€sident John F. Kennedy) nach Wien ein, um Waldheim zu interviewen. Koppel, dessen Eltern im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland erst nach England und dann in die USA flĂŒchteten, packte sogar sein rudimentĂ€res deutsch aus, um aus dem Bericht der Historiker-Kommission zu zitieren.  „‚Waldheims Behauptung, er habe nichts von Abtransport der Juden vom griechischen Festland und von der griechischen Insel gewusst,‘“ (danach ĂŒbersetzt Koppel das eben Gesagte auf Englisch, um dann auf deutsch fortzufahren), „stĂŒtzt sich darauf: A) er habe davon erst nach dem Kriege erfahren
Is that right? Are you still maintaining this?“  Waldheim: „Yes“

Koppel zitiert weiter: „Er wĂ€re zur Zeit der Ereignisse nicht in Griechenland gewesen. Are you still maintaining this?“ Waldheim, hier aus dem englischen ĂŒbersetzt: „Sie mĂŒssen deutlich unterscheiden: Ich wurde die ganze Zeit nach Saloniki gefragt und habe das immer ganz genau beantwortet. Und die Historikerkommission, die ich zu mir eingeladen hatte, fragte mich danach und ich habe gesagt: ‚Sehen Sie, ich war nicht dort und daher konnte ich auch nichts gewusst haben.‘ Und was die Inseln betrifft, gibt es kein einziges Dokument, das in irgendeiner Form beweist, dass diese Angelegenheit ĂŒber meinen Tisch ging
“ Koppel: „Noch ein Punkt. ‚Die Wehrmacht wĂ€re nicht in diese Taten verwickelt gewesen, und deshalb hĂ€tte er als Wehrmachts-Mitglied nichts mit diesen Taten zu tun gehabt.‘“ Waldheim: „Ja, das ist so.“ 

In einem Interview fragte ich Ted Koppel danach, was ihn und seine US-Kollegen bewogen habe, um die halbe Welt zu fliegen, nur um einen Wahlkampf eines österreichischen PrĂ€sidentschaftskandidaten bzw. PrĂ€sidenten zu covern. Ted Koppel: „Ich glaube, es liegt daran, dass Dr. Waldheim in den vergangenen zwei Jahren seine Geschichte so oft geĂ€ndert hat, aber jedesmal nur nachdem Beweise vorgebracht wurden, die man nicht leugnen kann. Und Tatsache ist auch, hier ist ein gewĂ€hlter PrĂ€sident eines Landes, mit dem wir immer innige Beziehungen hatten, und ich glaube, man spĂŒrt auch, dass seine UnfĂ€higkeit, mit diesem Thema zu Rande zu kommen, die Stimmung eines Landes widerspiegelt. Die Tatsache, dass die Österreicher ihn – trotz all dem – mehrheitlich gewĂ€hlt haben und Meinungsumfragen zeigen, dass er immer noch unterstĂŒtzt wird, deutet darauf hin, dass Österreich selbst noch nicht mit dem zu Rande gekommen ist, was hier und in der Region vor vierzig, fĂŒnfundvierzig Jahren passiert ist. (
) Worum es hier geht ist nicht so sehr was ein junger Oberleutnant als ZwanzigjĂ€hriger am Balkan getan hat, es geht darum, dass dieser Mann behauptet, eine FĂŒhrungspersönlichkeit zu sein – wenn Sie oder ich nicht in der Lage sind, einen gewissen moralischen Mut zu zeigen, dann ist das eine Sache. Aber von unseren FĂŒhrungspersönlichkeiten erwarten wir uns mehr und nicht weniger
Und das zu zeigen, dazu ist er offenbar nicht in der Lage.“ 

Letztlich verloren die Amerikaner das Interesse an Kurt Waldheim und an Österreich. Bis im Februar 2000 Jörg Haider – ein weiterer „Gott-Sei-Bei-Uns“ – seine Partei in die österreichische Regierung fĂŒhrt und die US-Medien wieder auf den Plan ruft:  Trommelwirbel, Musik, eine sonore, bekannte Stimme, der Nachrichtenmoderator Dan Rather, eröffnet die „CBS Evening News“: „Ein Echo aus nazistischer und antisemitischer Vergangenheit löst Angst und Zorn in Europa aus
weil ein frĂŒherer Bewunderer Hitler’s die Macht in Österreich erobert
“ Doch das ist einen andere Geschichte. 

Ein Video dazu erschien dieser Tage auf Christian Nussers „Newsflix“: klicke hier: https://www.newsflix.at/s/amerika-und-wir-so-erlebte-ich-die-waldheim-affaere-120165235

Der OPEC-Überfall vor genau 50 Jahren blieb ungesĂŒhnt -war schlampige Polizeiarbeit schuld, dass eine Mörderin frei ging?

Ich hatte mir fĂŒr die Weihnachtsfeiertage freigenommen. Meine Mutter und mein Großvater lebten in KĂ€rnten, und dorthin war ich, am 21. Dezember 1975, unterwegs. Dass in Wien – mein Arbeitsplatz war der ORF, ich berichtete vorwiegend ĂŒber die Innenpolitik – zu diesem Zeitpunkt ein Terrorakt verĂŒbt wurde, erfuhr ich erst am Abend in der Zeit im Bild und am nĂ€chsten Tag aus den Zeitungen. Die OPEC-Zentrale, schrĂ€g gegenĂŒber der UniversitĂ€t, war von einem international gesuchten venezolanischen Terroristen namens Illich Ramirez Sanchez, besser bekannt unter seinem nom de guerre Carlos, und fĂŒnf weiteren Kommandomitgliedern ĂŒberfallen worden. Die Sicherheitsmaßnahmen waren mehr als lax: der Polizist, der den Eingang bewachte, ließ die Gruppe, die in ihren Sporttaschen Sprengstoff, Gewehre und Pistolen mit sich trugen, ungehindert passieren. Zwei Kriminalbeamte waren im ersten Stock im Einsatz. Josef Janda und Anton Tichler, letzterer stand kurz vor seiner Pensionierung, waren unbewaffnet, das GebĂ€ude galt als exterritoriales Gebiet. Drei Menschen wurden schon in der Anfangsphase des Überfalls, der sich danach zu einer Geiselnahme ausdehnte, erschossen: der LeibwĂ€chter des irakischen Erdölministers, Ala Saces al Khafazi, das libysche Delegationsmitglied Jussuf Izmirli und der Österreicher Anton Tichler. Er soll die englisch gestellte Frage einer Frau, ob er Polizist sei, bejaht haben. Daraufhin wurde er mit einem Schuss in den Nacken getötet. Insgesamt wurden ĂŒber 60 Personen als Geiseln genommen, elf Minister der OPEC-Staaten sowie weitere Delegationsmitglieder und OPEC-Mitarbeiter. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky traf erst am Abend in Wien ein, er war zuvor aus Lech, seinem Urlaubsort, angereist. Hektische Verhandlungen fĂŒhrten schließlich dazu, dass den Terroristen samt ihren Geiseln fĂŒr den nĂ€chsten Tag die Ausreise mit einem AUA-Flugzeug aus Wien Schwechat zugesagt wurde. Am Flughafen kam es zum denkwĂŒrdigen Handschlag zwischen Innenminister Otto Rösch und dem Terroristen Carlos. Rösch, der sich damit rechtfertigte, die Hand „im Reflex“ entgegen genommen zu haben, bekam das Stigma nie mehr los.
Dieser Tage stieß ich auf eine Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL aus dem Februar 1983. Ein ausfĂŒhrlicher Artikel befasste sich, siebeneinhalb Jahre nach dem Attentat, nochmals mit dem Überfall auf die OPEC-Zentrale. Laut dem SPIEGEL klĂ€rte kein österreichisches Gericht diesen Überfall je völlig auf. Eine der vermutlichen MittĂ€terinnen, die deutsche RAF-Angehörige Gabriele Kröcher-Tiedemann, die den Polizisten Anton Tichler erschossen haben soll, sei – so das österreichische Justizministerium – „eindeutig der deutschen Terroristenszene zugerechnet worden.“ Sie war erstmals im Juli 1973 in Bochum bei einem Schusswechsel mit einem Polizisten, der schwer verletzt wurde, aufgefallen. Sie wurde gefasst und zu acht Jahren GefĂ€ngnisstrafe verurteilt. Aus den acht Jahren wurden jedoch nur zwei: Die Terroristin wurde nach der EntfĂŒhrung des deutschen CDU-Politikers Peter Lorenz freigepresst. Rechtzeitig, um nur wenige Monate spĂ€ter am OPEC-Überfall teilzunehmen. Sie wusste allerdings nicht, dass ihr ein Foto, das im Zusammenhang mit der Lorenz-EntfĂŒhrung gemacht wurde, zum VerhĂ€ngnis werden wĂŒrde. Mithilfe dieser Aufnahme, so berichtet der SPIEGEL, hĂ€tten sie viele Zeugen als eine der MittĂ€terinnen des Anschlags in Wien identifiziert. Laut dem saudischen Erdölminister Ahmed el Jamani soll sie damals, an Carlos gerichtet, gesagt haben: „Ich habe zwei umgebracht!“
Zwei Jahre spĂ€ter war sie wieder in Österreich aufgetaucht. Nicht als Touristin, sondern wieder als Terroristin. Sie soll an der EntfĂŒhrung von Walter Michael Palmers am 9. November 1977 beteiligt gewesen sein. Palmers wurde nach der Zahlung von viereinhalb Millionen Mark vier Tage spĂ€ter freigelassen. Alle TĂ€ter entkamen, österreichische Mithelfer, vorwiegend Studenten, kamen mit mehrjĂ€hrigen Freiheitsstrafen davon. Auch Kröcher-Tiedemann landete im GefĂ€ngnis. Allerdings weder wegen des OPEC-Überfalls, noch wegen der Palmers-EntfĂŒhrung. Sie war nach einer Schießerei in der Schweiz, bei der sie zwei Polizisten schwer verletzt hatte, verhaftet worden. In ihrem GepĂ€ck fanden die Schweizer Behörden markiertes Lösegeld aus der Palmers-EntfĂŒhrung. Rund zwei Drittel der fĂŒnfzehnjĂ€hrigen Haft verbrachte Kröcher-Tiedemann in einem eigens fĂŒr sie errichteten Sondertrakt des FrauengefĂ€ngnisses von Hindelbank. Im Dezember 1987 wurde sie nach Deutschland ĂŒberstellt, wo ihr der Prozess wegen des Überfalls und der Morde in der OPEC-Zentrale gemacht wurde. Die österreichischen Behörden waren dabei nicht sehr hilfreich. Obwohl klar war, dass die Terroristen keine Handschuhe getragen hatten, wurden im GebĂ€ude keine FingerabdrĂŒcke genommen, auch die Zeugenaussagen waren nicht verwertbar. So wurde Kröcher-Tiedemann fĂŒr diesen Tatvorwurf freigesprochen. 1991 – sie hatte sich inzwischen vom Terrorismus distanziert – wurde sie entlassen. Im darauffolgenden Jahr erkrankte sie an Krebs und starb im Oktober 1995 im Alter von 44 Jahren. Die Morde in Wien blieben ungesĂŒhnt.

Wird Europa nicht mehr zu erkennen sein? Was jetzt in der aktuellen US-„Nationalen Sicherheit-Strategie“ steht, schrieb Vize- prĂ€sident J.D. Vance schon im Februar den EuropĂ€ern ins Stammbuch – und ich in mein Buch „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – Wie Europa und die USA auseinanderdriften“

14. Februar 2025
Bayerischer Hof, MĂŒnchen: Auftritt von J. D. Vance, US-VizeprĂ€sident

Kaum eine Rede eines hohen amerikanischen Offiziellen hat so viel Aufmerksamkeit – und KopfschĂŒtteln – hervorgerufen wie der Auftritt des US-VizeprĂ€sidenten J. D. Vance bei der alljĂ€hrlichen Sicherheitskonferenz in MĂŒnchen. Die Erwartungshaltung war nicht ĂŒbergroß, schließlich wusste man ĂŒber die Einstellung der Trump- Administration gegenĂŒber der EuropĂ€ischen Union Bescheid.

J.D. Vance: Die Bedrohung, die mich in Bezug auf Europa am meisten besorgt, ist nicht Russland, nicht China, nicht irgendein anderer externer Akteur. Was mich besorgt, ist die Bedrohung von innen. Der RĂŒckzug Europas von einigen seiner grundlegendsten Werte, Werte, die es mit den Vereinigten Staaten von Amerika teilt.
(…)
Leider ist es, wenn ich mir Europa heute ansehe, manchmal nicht so klar, was mit einigen der Sieger des Kalten Krieges geschehen ist. Ich schaue nach BrĂŒssel, wo EU-Kommissare BĂŒrger davor warnen, dass sie beabsichtigen, soziale Medien wĂ€hrend Zeiten ziviler Unruhen abzuschalten – sobald sie das entdeckt haben, was sie als »hasserfĂŒllte Inhalte« einstufen.
Oder in dieses Land, wo die Polizei Razzien gegen BĂŒr- ger durchgefĂŒhrt hat, die verdĂ€chtigt wurden, antifemi- nistische Kommentare online gepostet zu haben, als Teil eines »Aktionstags gegen Misogynie im Internet«.
Ich schaue nach Schweden, wo vor zwei Wochen die Regierung einen christlichen Aktivisten verurteilte, weil er an Koranverbrennungen teilgenommen hatte, die zur Ermordung seines Freundes fĂŒhrten. Und wie der Rich- ter in seinem Fall beĂ€ngstigend feststellte, gewĂ€hren die schwedischen Gesetze zum Schutz der freien Meinungs- Ă€ußerung nicht, und ich zitiere, »einen Freibrief, um al- les zu sagen oder zu tun, ohne das Risiko, eine Gruppe zu beleidigen, die diesen Glauben teilt«.
In Großbritannien und ganz Europa, so fĂŒrchte ich, ist die Meinungsfreiheit auf dem RĂŒckzug.
Und im Interesse der Komik, meine Freunde, aber auch im Interesse der Wahrheit, muss ich zugeben, dass die lautesten Stimmen fĂŒr Zensur manchmal nicht aus Europa, sondern aus meinem eigenen Land gekommen sind. Die vorherige Regierung bedrohte und schikanier- te Social-Media-Unternehmen, um sogenannte Fehlinformationen zu zensieren. Fehlinformationen wie zum Beispiel die Vorstellung, dass das Coronavirus höchstwahrscheinlich aus einem Labor in China entwichen sei. Unsere eigene Regierung ermutigte private Unternehmen, Menschen zum Schweigen zu bringen, die es wagten, eine Wahrheit auszusprechen, die sich spĂ€ter als offensichtlich herausstellte.
Also komme ich heute nicht nur mit einer Beobachtung, sondern mit einem Angebot. Und so verzweifelt die Biden-Regierung danach zu sein schien, Menschen zum Schweigen zu bringen, die ihre Meinung Ă€ußern, so wird die Trump-Regierung genau das Gegenteil tun. Und ich hoffe, dass wir dabei zusammenarbeiten können.
In Washington gibt es einen neuen Sheriff. Und unter Donald Trumps FĂŒhrung mögen wir vielleicht nicht mit euren Ansichten ĂŒbereinstimmen, aber wir werden dafĂŒr kĂ€mpfen, euer Recht zu verteidigen, sie im öffentlichen Raum zu Ă€ußern – egal, ob wir zustimmen oder nicht.
Nun sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die Situation so schlimm geworden ist, dass RumĂ€nien im vergangenen Dezember kurzerhand die Ergebnisse einer PrĂ€sidentschaftswahl annullierte – basierend auf den vagen VerdĂ€chtigungen eines Geheimdienstes und dem enormen Druck von seinen kontinentalen Nachbarn.
Wie ich es verstehe, lautete die BegrĂŒndung, dass russische Desinformation die rumĂ€nischen Wahlen infiziert habe. Doch ich wĂŒrde meine europĂ€ischen Freunde bit- ten, ein wenig Perspektive zu bewahren. Man kann es fĂŒr falsch halten, dass Russland Social-Media-Anzeigen kauft, um Wahlen zu beeinflussen – das tun wir jedenfalls. Man kann es sogar auf der WeltbĂŒhne verurteilen. Aber wenn eure Demokratie durch ein paar Hunderttausend Dollar an digitaler Werbung aus einem fremden Land zerstört werden kann, dann war sie von Anfang an nicht besonders stabil.
Die gute Nachricht ist jedoch, dass ich eure Demokratien fĂŒr wesentlich robuster halte, als viele offenbar befĂŒrchten. Und ich glaube wirklich, dass es sie noch stĂ€rker machen wird, wenn wir unseren BĂŒrgern erlau- ben, ihre Meinung zu Ă€ußern. Was uns natĂŒrlich zurĂŒck nach MĂŒnchen fĂŒhrt – wo die Organisatoren dieser Konferenz Gesetzgeber populistischer Parteien, sowohl von links als auch von rechts, von der Teilnahme an diesen GesprĂ€chen ausgeschlossen haben.
An die Demokratie zu glauben, bedeutet zu verstehen, dass jeder unserer BĂŒrger Weisheit besitzt und eine Stimme hat. Und wenn wir uns weigern, diese Stimme zu hören, werden selbst unsere grĂ¶ĂŸten Erfolge nur wenig Bestand haben. Wie Papst Johannes Paul II., fĂŒr mich einer der außergewöhnlichsten Verfechter der Demokratie auf diesem oder jedem anderen Kontinent, einst sagte: »FĂŒrchtet euch nicht.«
Wir sollten keine Angst vor unserem Volk haben – selbst dann nicht, wenn es Ansichten Ă€ußert, die nicht mit der Meinung der FĂŒhrung ĂŒbereinstimmen. Danke Ihnen allen. Viel GlĂŒck fĂŒr Sie alle. Gott segne Sie.«




Mein neuestes Buch: „DAS SPIEL MIT DEM DRITTEN WELTKRIEG“


Es ist ein außerordentliches Experiment und gleichzeitig ein Wagnis: kann man Weltpolitik darstellen und sie erklĂ€rbar machen, indem man ein halbes Jahr lang jeden einzelnen Tag beobachtet, die Essenz niederschreibt und zusĂ€tzlich internationale und österreichischer Experten in Analysen und Interviews zu Wort kommen lĂ€sst?
Das Buch beginnt nach einer ausfĂŒhrlichen Einleitung mit der Inauguration von Donald Trump am 20. JĂ€nner 2025 und endet – theoretisch – am 20. Juli 2025, einem Tag mit dutzenden Toten im Gaza-Streifen. TatsĂ€chlich ĂŒberschlagen sich jedoch im August 2025 die Ereignisse, vor allem im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Am 15. August bereitete Donald Trump dem Kreml-Chef Vladimir Putin in Alaska einen herzlichen Empfang, wenige Tage spĂ€ter kam es m Weißen Haus zum USA-EU-Gipfel. Im September zeigt sich, wie weit die Gewalt in den USA an Boden gewonnen hat: der rechtsgerichtete Trump-Freund Charlie Kirk wird auf offener BĂŒhne erschossen.
Dem US-PrĂ€sidenten widmet der Autor, der viele Jahre in den USA verbracht hat, die meiste Aufmerksamkeit. Gleich zu Beginn seiner AmtstĂ€tigkeit zeigt Donald Trump auf, in welche Richtung es geht: gegen illegale Immigranten, gegen die Rechtsstaatlichkeit, gegen die Medien, gegen die Wahrheit, gegen die UniversitĂ€ten, gegen internationale VertrĂ€ge, gegen vormals langjĂ€hrige VerbĂŒndete. Sein irrationales Verhalten stellt die globale Ordnung auf den Kopf. Auf der anderen Seite wiederum hĂ€lt Vladimir Putin an seinem aggressiven Vorgehen in der Ukraine fest. Alle Versuche – auch die Trumps – Friedensverhandlungen einzuleiten, scheitern.

DER FALTER

In „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg“ fĂŒhrt der ehemalige Journalist (ORF) und EU-Parlamentarier (SPÖ) Tagebuch ĂŒber die Polykrise, in der wir leben. Damit entsteht weit mehr als nur eine Chronologie der laufenden Ereignisse – es wird auch möglich, die komplexe Dynamik der Gegenwart, deren Geschwindigkeit selbst wegweisende Ereignisse zur BeilĂ€ufigkeit verwischt, retrospektiv zu verstehen: Man versteht nach der LektĂŒre die Welt ein bisschen besser.“

NEWSFLIX.AT

Worum geht es konkret?
Eugen Freund hat, nach einer lÀngeren Einleitung, ein Trump-Tagebuch gestaltet. Es beginnt mit dem 20. JÀnner, als der damals noch 78-JÀhrige den Amtseid ablegte, und endet mit dem 20. Juli, exakt sechs Monate spÀter. Gesamt handelt es sich um 275 Tagebuch-EintrÀge, an manchen Tagen gibt es mehrere, an anderen keinen.

Was bietet das Buch?
Es erinnert daran, dass die Erinnerung Streiche spielt. Vieles, was passiert ist, haben die meisten schon vergessen. Das Buch holt alles ins GedĂ€chtnis zurĂŒck. Es ist eine Verdichtung der Geschehnisse und das macht es richtig stark.


Der Begriff „Dritter Weltkrieg“ fĂ€llt, völlig unvermutet, am 28. Februar 2025, als der US-PrĂ€sident dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus gleich zwei Mal zuruft: „You are gambling with World War Three!“ („Sie spielen mit dem 3. Weltkrieg!“). Kann tatsĂ€chlich der PrĂ€sident eines ĂŒberfallenen Staates, der von einem machtbesessenen, militĂ€risch ĂŒberlegenen Nachbarn seit mehr als drei Jahren tĂ€glich mit Drohnen und Kampfflugzeugen bombardiert wird, einen trans-kontinentalen Krieg auslösen? Oder bedarf es dazu mĂ€chtiger StaatsmĂ€nner, wie etwa eines unberechenbar vorgehenden US-PrĂ€sidenten oder eines kriegs-besessenen Kreml-Bosses? Könnten auch die Konflikte um das iranische Atomprogramm oder die Lage der PalĂ€stinenser geeignet sein, einen Weltenbrand zu entzĂŒnden? All diese Fragen können bis zum Erscheinen dieses Buches – zum GlĂŒck – nur theoretisch erörtert werden.

375 Seiten, € 21.00. Wieser Verlag

Staatsvertrags-Feier 1985

30 Jahre nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags lud die damalige Bundesregierung

StaatsmÀnner aus Welt zu einer Feier in die Hofburg und in das Belvedere, wo am 15. Mai 1955

das Dokument feierlich unterzeichnet wurde. Ich habe bei den Feierlichkeiten 1985 einige Fotos gemacht.

Ex-Bundeskanzler Bruno Kreisky mit Finanzminister Ferdinand Lacina

Bruno Kreisky spricht mit dem deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher

Der US-Außenminister George Shultz (oben) und Andrej Gromyko (oben), sein sowjet. Gegenspieler

Bundeskanzler Fred Sinowatz spricht zu den eingeladenen GĂ€sten im Oberen Belvedere

Ein Blick von oben, davor sieht man den berĂŒhmten Balkon, von dem aus der damalige Bundeskanzler Leopold Figl am 15. Mai 1955 den unterzeichneten Staatsvertrag der jubelnden Menge prĂ€sentierte

Die GĂ€ste von der anderen Seite, ganz rechts AM Genscher (BRD) 3.v.r. Bgm Leopold Gratz

Finanzminister Franz Vranitzky begleitet seinen US-Kollegen James Baker (hinten l.: Österr. Botschafterin in den USA, Eva Nowotny)

Ted Koppel zum Zustand der USA

Er war der TV-Star der 1980er und 1990er Jahre: Ted Koppel, Moderator der spĂ€t-abendlichen „Nightline“, einer Informationssendung, die immer nur ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven behandelte. Die GĂ€ste saßen nicht bei ihm im Studio, sondern wurden per Satelliten-Schaltung in die Sendung geholt, Koppel versprach sich dadurch mehr Kontrolle. Auch in Österreich war der „klĂŒgste Kopf im US-TV“ (wie ihn das Nachrichtenmagazin „Newsweek einmal nannte) kein Unbekannter: im Februar 1988 interviewte er gemeinsam mit Pierre Salinger den damaligen BundesprĂ€sidenten Kurt Waldheim, der wegen seiner TĂ€tigkeit im Zweiten Weltkrieg schwer in Verruf geraten war. Das Interview wurde im „Inlandsreport“ ausgestrahlt.

Mittlerweile ist Koppel 85 Jahre alt. Wir kennen uns seit 1984, als ich ihn zum ersten Mal in seinem Studio bei ABC in Washington traf. Seit damals hatten wir stĂ€ndigen Kontakt. KĂŒrzlich besuchte ich ihn fĂŒr ein Buchprojekt in seiner Heimatstadt Potomac in der NĂ€he von Washington. Er wohnt in einem wunderschönen Landsitz, ganz nahe am gleichnamigen Fluss („hoch genug ĂŒber dem Wasser, dass mir auch nach einer Überschwemmung nichts passieren kann…“) und arbeitet weiterhin fĂŒr diverse TV-Sender. Zuletzt bereitete er eine Dokumentation ĂŒber die Spielsucht von jungen Menschen vor, die auf „CBS Sunday Morning“ gesendet wurde. In unserem langen GesprĂ€ch kam Koppel auch auf die gegenwĂ€rtige Lage in den USA zu sprechen, vieles davon, so sagte er, sei von Emotionen geleitet, wie etwa die Reaktionen auf Elon Musks „SĂ€uberung“ in der Beamtenschaft. Im folgenden ein kurzer Auszug aus dem Interview:

(Kamera: Carla Freund)

„Sie verbreiten Angst und Unsicherheit…“

Meine Erinnerungen an die Zeit im Bild 2

Zu erst einmal: alles Gute zum Geburtstag! 50 Jahre sind eine gewaltige Zeitspanne fĂŒr ein regelmĂ€ssiges TV-Programm. Die einzig andere Sendung, die ich mindestens so lange verfolge und die nur ungleich Ă€lter ist, ist der „Tatort“. Den habe ich auch selten versĂ€umt (aber, zugegeben, weniger davon gelernt, viele Folgen davon waren, zugegeben, spannender als die ZIB2.) Ich wĂŒrde ĂŒbertreiben, wĂŒrde ich mich an die erste ZIB 2 erinnern, obwohl ich sie sicher gesehen habe. Kuno Knöbl, Dieter Seefranz und Peter Pirker waren mir nach einiger Zeit sehr vertraut, Peter Pirker kannte ich ĂŒbrigens von meinem zweiten zuhause, dem Klopeiner See. Er war dort im ReisebĂŒro Springer tĂ€tig, in welcher Funktion genau, erinnere ich mich heute auch nicht mehr. Vier Jahre nach Beginn der ersten Sendung verabschiedete ich mich in die USA, dort beschrĂ€nkte sich mein österreichischer Medienkonsum auf das Lesen, oder besser: DurchblĂ€ttern einiger Tageszeitungen, die mit ca. einwöchiger VerspĂ€tung in unserem BĂŒro in New York ankamen. Die meisten Informationen aus Österreich holte ich mir damals aus der Kurzwelle, ĂŒber die das Mittagsjournal – wegen der Zeitverschiebung – schon in der FrĂŒh ausgestrahlt wurde.

Als ich nach fĂŒnf Jahren intensiver US-Medienbeobachtung nach Österreich zurĂŒckkehrte, wollte Anfangs im ORF niemand von mir wissen. Obwohl sich immer wieder hochrangige ORF-FunktionĂ€re in Manhattan aufhielten und ich sie gelegentlich herumfĂŒhrte (da fiel einmal auch der Ausspruch eines Kollegen: „Wenn Sie zurĂŒck zum ORF wollen, es sind ihnen TĂŒr und Tor geöffnet…“ und ich war der Tor, der daran geglaubt hatte…), musste ich eineinhalb Jahre auf eine TĂ€tigkeit im ORF warten. Immerhin saß ich dann im gleichen Zimmer wie die von mir sehr geschĂ€tzten Robert Hochner und Josef Broukal und ich durfte erste BeitrĂ€ge fĂŒr die ZIB 2 gestalten. Irgendwann im Sommer 1986 moderierte ich ein paar Probesendungen und sass dann tatsĂ€chlich im August, so um den 20., auf dem Anchor-Sessel. Ich hatte einen Gast, es war der Chef der GemĂŒsebauer aus dem Burgenland, das Hauptthema an diesem Tag waren die gefallenen Preise fĂŒr die Paradeiser. „Das ist also das Corpus Delicti oder“ (schliesslich stand ein Korb voller Tomaten vor mir)“ das Korbus Delicti, Tomaten aus dem Burgenland…“ – das waren meine ersten SĂ€tze, unvergesslich. Nein, nicht unvergesslich, es gibt davon noch eine Aufzeichnung, deshalb kann ich das wörtlich wiedergeben…

Meine erste ZIB 2, August 1986. Man beachte auch den rauchenden Kollegen hinter mir.

Genau weiss ich die Zahl nicht, aber nach ca. 20 Moderationen war dann wieder Schluss. Ich wurde im Februar 1987 nicht mehr eingeteilt. Als ich bei der Chefredaktion nachfragte, sagte mir Horst-Friedrich Mayer ziemlich unverblĂŒmt: „Wissen Sie, Herr Freund, von unseren Zusehern haben wir erfahren, Sie verbreiten Angst und Unsicherheit ĂŒber den Bildschirm.“ Ich war, gelinde gesagt, einigermassen erstaunt, dass man dazu 20 Sendungen gebraucht hat, aber ich konnte nichts dagegen tun. Meine ErklĂ€rung war eine ganz andere. Zum Jahreswechsel war Franz Vranitzky im Studio gewesen, die SPÖ war gerade dabei, eine große Koalition mit der Volkspartei einzugehen. Ich wollte von ihm wissen, was passiert, wenn „sich der Brei der großen Koalition ĂŒber alles verbreitet und andere Stimmen nicht mehr zum Zug kommen wĂŒrden.“ Ihn hat diese Frage nicht gestört, wie man aus der Antwort erkennen kann. Aber fĂŒr die ORF-Oberen war das offensichtlich eine Frage zu viel, und so verkĂŒndete man mit leichter VerspĂ€tung das Ende meiner ModerationstĂ€tigkeit.

Interview mit Franz Vranitzky, Dezember 1986

Wenn ich mir heute die Sendungen ansehe, glaube ich zwar noch immer nicht, dass sich die Zuseher vor mir gefĂŒrchtet haben, aber ein richtiger Anchorman war ich damals jedenfalls nicht. 1986 war auch ein wichtiges Jahr in der Innenpolitik. Kurt Waldheim, der ehemalige UNO-GeneralsekretĂ€r, bewarb sich um die PrĂ€sidentschaft. Mitten im Wahlkampf veröffentlichten das „Profil“ und die „New York Times“ Dokumente, aus denen hervorging, dass Waldheim seine diversen TĂ€tigkeiten im Zweiten Weltkrieg, nun, „beschönigt“ oder gar nicht erwĂ€hnt hatte. Das Thema faszinierte mich und so durfte ich viele BeitrĂ€ge dazu auch fĂŒr die ZIB2 gestalten. Unter anderem berichtete ich ĂŒber das druckfrische – auf Englisch verfasste – „Weissbuch“, das Waldheim von jeder Mitschuld an Verbrechen im 2. Weltkrieg „weisswaschen“ sollte. Vor allem fĂŒr die Ă€ltere Generation war das Thema schwer zu verdauen. Das zeigte sich insbesondere bei Klaus Emmerich, damals ORF-Korrespondent in Washington, der immer wieder deutlich machte, auf welcher Seite er stand. Nirgendwo so eindeutig, wie nach der AnkĂŒndigung der Vereinigten Staaten, Kurt Waldheim die Einreise in die USA zu verbieten („Watch List“).

Die technische AffinitĂ€t Robert Hochners, von der Armin Wolf in seinem wunderbaren RĂŒckblick (https://www.arminwolf.at/2021/06/11/sir-robert/) auf den ersten wirklichen Anchorman im ORF geschrieben hat, zeigt sich auch im nĂ€chsten Video. Ich machte einen Beitrag ĂŒber eine neue Videokamera, die man damals zu einem besonders gĂŒnstigen Preis bei HARTLAUER kaufen konnte. Hartlauer unterbot mit seinem Angebot den Preis, den Sony seinen HĂ€ndlern vorschrieb, Hochner war aber (wie ich) so begeistert von diesem System, das er den Beitrag unbedingt bringen wollte. Aber es wĂ€re nicht Hochner gewesen, wenn er sich nicht eine besondere PrĂ€sentation ausgedacht hĂ€tte.

Robert Hochner 1987

Es gĂ€be noch viel ĂŒber großartige ZIB2 Sendungen zu schreiben, auch ĂŒber solche, die weniger gelungen waren. Zum Beispiel mein einziger Auftritt nach der Nominierung als Spitzenkandidat der SPÖ fĂŒr das EuropĂ€ische Parlament. Doch bis auf eine weitere Konfrontation mit Othmar Karas war das auch schon, was mein Erscheinen in der ZIB 2 betraf. In den 5 Jahren darauf als Mitglied des Aussenpolitischen Ausschusses wurde ich dann nicht mehr in die Sendung eingeladen. Das alles Ă€ndert freilich nichts daran, dass ich ein regelmĂ€ssiger Zuseher der SpĂ€t-Abendnachrichten geblieben bin. 50 weitere Jahre werde ich nicht schaffen, möglicherweise auch die ZIB 2 nicht, aber wir halten durch, solange es irgendwie geht. Gerade jetzt ist die ZIB 2 notwendiger denn je.

Hier noch mein Nachruf auf Robert Hochner fĂŒr den „Standard“ im Jahr 2001

Robert Hochner: Erinnerungen an einen TV-Profi (Juni 2001)

Es war irgendwann Mitte der Achtzigerjahre, ich war gerade nach fĂŒnf Jahren in New York wieder zurĂŒck in Wien: Hungrig nach und verwöhnt von den US- amerikanischen Informationssendungen sah ich mir eines Abends die ,,Zeit im Bild 2″ an â€“ oder hieß die Sendung damals noch „Zehn vor Zehn“? 

Da saß er, hinter dem schwarz betuchten Tisch auf dem ,,Anchorchair“: der ,,Anchorman“ Robert Hochner. Top gestylt, den rechten Arm lĂ€ssig von sich gestreckt, den Oberkörper zur Seite gelehnt, in der Hand meist einen Kugelschreiber, ein freundliches, offenes Gesicht und sooo amerikanisch: souverĂ€n, spritzig, intelligent, wie man es sonst nur von US- Moderatoren gewohnt war.Ein paar Monate spĂ€ter teilte ich mit ihm und Josef Broukal das Arbeitszimmer. Danach, ein halbes Jahr lang, den Bildschirm: Es war ein Contest, den ich nicht gewinnen konnte.

Sein Konterfei hĂ€tte â€“ wie das seines großen Vorbilds, ABC-Moderator Peter Jennings in New York â€“die Autobusse in Wien zieren können, als das AushĂ€ngeschild der Informationsprogramme des ORF: ,,Nachts um 10: Robert Hochner in der ZiB 2″.

Aber Wien ist nicht New York â€“ man hat ihn auch so gekannt, und nicht nur vom Bildschirm her: Er saß oft im Kaffeehaus und studierte dort internationale Zeitungen (wĂ€hrend die anderen Besucher ihn musterten); ein Spaziergang durch die Innenstadt war fĂŒr ihn wie ein Hindernislauf mit unsichtbaren Balken: In der mildesten Version starrten ihn die Leute einfach nur an und tuschelten hinter seinem RĂŒcken. Die nĂ€chste HĂŒrde musste er nehmen, wenn ihn Unbekannte grĂŒĂŸten oder auch ganz einfach mit BanalitĂ€ten ansprachen. Er beugte sich diesen Notwendigkeiten („Mein Chef ist mein Publikum“).

Und dann waren da noch die Prominenten, die man auch auf der KĂ€rntner Straße trifft und die er eben kannte, weil sie in seiner Sendung zu Gast waren: der GeneralsekretĂ€r, die Schauspieldirektorin, der FlugzeugkapitĂ€n.

Robert Hochner war freilich anders, er war nicht ,,verhabert“ mit der Prominenz, und wenn ihre ReprĂ€sentanten in der „ZiB 2″ auftraten, spielte er seine ProfessionalitĂ€t und seinen kritischen Geist voll aus. Und kritisch war er.

Johannes Fischer, der viele Jahre sein Chef in der Redaktion war, erinnert sich: ,,Wir haben fast tĂ€glich miteinander gestritten, aber es ging immer um die Sache, es wurde nie persönlich.“  

Ausgerechnet „Stop“ hieß die TV-Sendung, bei der seine journalistische Karriere begann. Sie hĂ€tte genau so gut „Start“ heißen können. Dem Regieassistenten Robert Hochner war dieses Automobilmagazin mit dem Anspruch, kritisch sein zu wollen, zu seicht: Er meldete sich beim damaligen Redaktionsleiter Walter Schiejok, machte ihm konkrete VorschlĂ€ge, wie man die Sendung weniger auto-freundlich gestalten könnte. Verkehrssicherheit, Alternativen zum Automobil, der Kampf gegen Formel-Eins Rennen im Fernsehen â€“ Robert Hochner hatte nicht immer die Massen auf seiner Seite, aber er war damit eindeutig seiner Zeit voraus. Schon damals zeigte sich, dass er ein schwieriger Zeitgenosse war, wie alle EinzelgĂ€nger, eine ,,Primadonna“, wie ihn spĂ€ter manche Kollegen bezeichneten, die sein Wissen mit Besserwissen verwechselten und sein selbstbewusstes Auftreten mit Arroganz.

Politik als Heuriger

Dass ihn „Die Zeit“ im August 1996 zum “souverĂ€nsten TV-Moderator im deutschsprachigen Raum“ erklĂ€rte, förderte seine Beliebtheit in der Zunft ebenso wenig. Auch wenn in diesem Artikel, natĂŒrlich, viele richtige und kluge Erkenntnisse ĂŒber ihn und von ihm wiedergegeben wurden: Die Innenpolitik (damals noch schwarz-rot) ist ,,ein einziger Heuriger, unterbrochen durch Pressekonferenzen“; ,,Fernsehen ist keine Kanzel“; ,,Der Moderator ist nicht die Nachricht“; und (geradezu prophetisch): „Gespielte Betroffenheit, das ist fĂŒr mich das Ärgste.“

Wie sagte doch Walter Cronkite, die CBS-Moderatorenlegende bei seinem Abschied vom Bildschirm? ,,Old anchormen don’t die, they just fade away.“

Was dich betrifft, Robert, wir sorgen dafĂŒr, dass Dein VermĂ€chtnis nicht vergessen wird.

USA: Als Jörg Haider Österreich zu Schlagzeilen verhalf

Ein RĂŒckblick auf den Februar 2000

Trommelwirbel. Musik. Eine sonore, bekannte Stimme dröhnt aus dem Fernseher: „Ein Echo aus nazistischer und antisemitischer Vergangenheit löst Angst und Zorn in Europa aus
weil ein frĂŒherer Bewunderer Hitler’s die Macht in Österreich erobert
“ Es ist der 4. Februar 2000, die „CBS Evening News“, die beliebten US-Abendnachrichten mit Dan Rather, zeichnen schon in ihrem Aufmacher ein erschreckendes Bild unseres kleinen Alpenstaates. Was, um Himmels Willen, war geschehen? Haben die Nationalsozialisten geputscht? Oder das MilitĂ€r? Nein, natĂŒrlich nicht. Jörg Haider, der KĂ€rntner Landeshauptmann und Parteiobmann der Freiheitlichen, selbst in den USA kein Unbekannter, hatte damals eine Koalition seiner Partei mit der ÖVP geschmiedet

CBS Evening News 4. February 2000

Schon zweieinhalb Monate davor – der Wahlausgang deutete auf eine derartige Rechts-Verbindung hin – bekam ich von den Freiheitlichen mein Fett ab. Unter der Überschrift: „ORF fĂŒr österreichfeindliche Kampagne“ meldet sich bei der APA Peter Westenthaler, damals FPÖ-GeneralsekretĂ€r, zu Wort. Als „Skandal“ wertet Westenthaler „das Auftreten des ORF-USA-Korrespondenten Eugen Freund, der bei einer Pressekonferenz des US-Aussenamts-Sprechers James Rubin diesen erst mit Fragen zum österreichischen Wahlausgang und zur FPÖ konfrontiert und damit das Thema kĂŒnstlich erzeugt“ habe. Die Frage nach dem Wahlausgang kam allerdings nicht von mir, sie hatte ein kanadischer Kollege gestellt.

APA vom 7. Oktober 1999

Doch das warf damals schon ein eigentĂŒmliches Licht auf die Einstellung der Freiheitlichen zu Demokratie und Medienfreiheit. „Der Höhepunkt waren die gestrigen Hitler-Einspielungen im Beitrag des Herrn Freund aus den USA. (
) Der ORF
hĂ€tte die Pflicht, alles daran zu setzen, unqualifizierte Diffamierungen und Österreich-Beschimpfungen entgegenzutreten und sie nicht noch anzukurbeln,“ meinte Westenthaler. TatsĂ€chlich hatte der CBS-Korrespondent in seinem Bericht aus Wien auch die Äusserungen Jörg Haiders zur „ordentlichen BeschĂ€ftigungspolitik im Dritten Reich“ erwĂ€hnt und diese mit Bildern Hitlers bei seiner Fahrt durch die Bundeshauptstadt unterlegt. NatĂŒrlich erschien mir das signifikant genug, um es damals in meinem Bericht einzubauen.

Das Papier ist schon leicht vergilbt, 25 Jahre fordern ihren Tribut. Doch als ich die aufgehobenen Zeitungen von Anfang Februar 2000 meinem Archiv entnehme, ist alles bestens lesbar. Etwa der Artikel auf Seite Eins in der „Washington Post“: „PrĂ€sident Thomas Klestil nahm heute eine neue Koalition an, die die Rechts-aussen-Partei FPÖ inkludiert und damit Österreich in die schwerste diplomatische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg fallen lĂ€sst. Gleichzeitig werden damit die Beziehungen zu der EuropĂ€ischen Union und den USA gefĂ€hrdet.“ In der „New York Times“, ebenfalls auf Seite Eins, ist zu lesen, dass der Koalition „Jörg Haiders Anti-Einwanderer Partei“ angehört, die nun „auf einen Zusammenstoß mit der EuropĂ€ische Union zusteuert, die Haiders Partei als fremdenfeindlich und extremistisch betrachtet.“

Haider hatte etwas geschafft, was noch keinem, oder sagen wir es vorsichtig: fast keinem Provinzpolitiker aus Europa vor ihm gelungen war: in respektierten internationalen Zeitungen in Schlagzeilen erwĂ€hnt zu werden, ohne dass hinzugefĂŒgt wird, um wen es sich dabei handelt. Sein Name sagte damals alles. 

 â€žHaider: We’re nice guys“ („Haider: wir sind nette Burschen“) titelte etwa die „New York Post“ (den Ausdruck „respektiert“ nehme ich fĂŒr dieses Boulevardblatt kurz zurĂŒck). Und sogar die „New York Times“ hatte innerhalb eines Monats so oft ĂŒber den KĂ€rntner Landeshauptmann berichtet, dass der angesehene Korrespondent Roger Cohen ihm ebenfalls eine Überschrift widmete, in dem jeder Hinweis auf seine Herkunft oder Position fehlte: „Eine Theorie, warum Haider so zieht: Nicht Ideologie, sondern Marketing“. Cohen sieht sich fĂŒr diese Erkenntnis auch dort um, wo das PhĂ€nomen Haider am besten erklĂ€rt werden kann: in KĂ€rnten selbst. Das zeigt sich in der Ortsangabe, die in Artikeln der „NYT“ immer ganz am Anfang steht: „Bad Kleinkirchheim“. Schon die allererste Zeile lĂ€sst jeden KĂ€rnten-Fanatiker aufjauchzen: „Hier in der Mitte eines Postkarten-schönen Österreich – Skipisten von Föhren eingerahmt, die Sonne blendet, Familien, deren Wangen rosig glĂ€nzen und die Punsch trinken
“ Auch die Anziehungskraft Haiders wird punktgenau erklĂ€rt: „Ein bisschen Thatcherism, eine Dose Robin Hood, ein paar Designer Label, ein Touch  von ‚Österreich-Erst‘-Intoleranz, ein Farbkleks von ‚Sagen-wie es-Ist. Dazu fanatische körperliche Fitness und heraus kommt ein moderner europĂ€ischer Magier, der es geschafft hat, seine Partei von 5 auf 27 Prozent hinaufzuschrauben.“ Und ein paar Zeilen weiter: „Also, der Prophet einer schlankeren Regierung, von mehr individueller Verantwortung und geringeren Staatsausgaben ist der gleiche, der ein ambitiöses Programm staatlicher Zuwendungen vertritt? Nun, ja, wenn das Stimmen bringt!“ Haiders sportliche Erscheinung findet auch in der „NewsHour“, des öffentlich-rechtlichen Senders PBS, Eingang.

Aus PBS „Newshour“ vom 4. 2. 2000

Hier wird ĂŒber die Feier zum 50. Geburtstag des damaligen Landeshauptmanns berichtet, gleich in den ersten Sekunden wedelt Haider in einem „posh ski-resort“ ĂŒber den Bildschirm. Doch so banal bleibt es nicht lange. Haiders vage Distanzierung von seiner Aussage, SS-Soldaten seien „ehrenwerte MĂ€nner“ gewesen, bringt ihn rasch wieder in die NĂ€he des Nationalsozialismus. Danach rĂŒckt in lĂ€ngeren Interviews die damalige „Presse“-Redakteurin Anneliese Rohrer zu seiner Verteidigung aus. „Eine Überreaktion“ und „kontraproduktiv“ sei die (auslĂ€ndische) Berichterstattung ĂŒber die Freiheitlichen gewesen, meint sie in einer Schaltung aus Wien. 

Ebenfalls weniger dramatisch sieht es Peter Jennings. Der aus Kanada stammende Anchorman der ABC „World News Tonight“ spricht Österreich und somit Haider nicht die demokratische Legitimation ab, und doch „Herr Haider ist entweder ein Rechtsextremer oder ein Populist, das hĂ€ngt von ihrem Standpunkt ab
“

New York „Review of Books“

Alle EU-Mitgliedsstaaten hatten Sanktionen gegen Österreich eingeleitet. Der Historiker Tony Judt erklĂ€rt in einem ausfĂŒhrlichen Artikel („Tale From the Vienna Woods“) in der „New York Review of Books“, wie es damit tatsĂ€chlich aussah: „Weil Österreich keine EU-Regulative verletzt hat, sind die Sanktionen bilateral: obwohl alle Mitgliedsstaaten mitmachen, liegt die EuropĂ€ische Union in keinem Streit mit Wien
“ Noch ein weiter „Promi“ greift in die Tasten. FĂŒr einen Gastkommentar fĂŒr die „New York Times“ schreibt Salman Rushdie von „hĂ€sslichen Stimmen“, die da aus Österreich zu vernehmen sind, doch auch „Vetternwirtschaft und Korruption“ hĂ€tten die WĂ€hler ebenfalls in die HĂ€nde von Haider getrieben.  

Noch viele Tage danach, also dem 3. bzw. 4. Februar 2000, waren Zeitungsspalten in den USA gefĂŒllt mit kritischen Berichten aus Österreich. 

Nichts dergleichen wird diesmal zu sehen, hören oder zu lesen sein. Zu weit rechts sind in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten viele LĂ€nder gerĂŒckt, und das gilt besonders fĂŒr die Vereinigten Staaten. Wer von einem autokratischen PrĂ€sidenten regiert wird, hat keine Zeit und keinen Platz, die Situation in Österreich genauer zu betrachten, egal, welche Geister hier gerade wachgerufen werden. 

Es wird eng in Donald Trumps Amerika

Beobachtungen von der Inauguration des 47. PrÀsidenten

Das große Amerika war auf 250 Quadratmeter zusammen geschrumpft: so klein(kariert) hat kaum noch eine Inauguration ausgesehen. Zuletzt hat sich diese AmtseinfĂŒhrungs-Zeremonie ins Innere das Capitols vor 40 Jahren zurĂŒck gezogen, weil es angeblich zu kalt dafĂŒr sei. Damals hatte es Minus 14 Grad, diesmal waren es Minus Vier. Auch wenn er es nicht – nie! – zugeben wĂŒrde, es war wohl auch Donald Trumps Sorge, dass diesmal noch weniger Zuseher die Mall vor dem ParlamentsgebĂ€ude fĂŒllen wĂŒrden als vor acht Jahren. Schon damals hatte Trump fĂ€lschlicherweise behauptet, niemals zuvor seien so viel Leute im Freien gestanden wie bei ihm.

 

Es ist – und es wird – eng

Diesmal konnte man die Besucher mit einem Zeigefinger zĂ€hlen, denn in der Rotunde haben nur etwas mehr als 700 Menschen Platz. Sie ist eindrucksvoll, ich selbst war vor ein paar Jahren dort, vor allem der Blick nach oben, zur Kuppel, ist eindrucksvoll. Doch wenn man diesen Raum gemeinsam mit zehn anderen besucht, gibt es kein GefĂŒhl der Enge. Dieses GefĂŒhl der Enge  hat mir auch Donald Trumps erste Rede als PrĂ€sident vermittelt: es wird eng fĂŒr Andersdenkende („In offiziellen Dokumenten gibt es nur mehr Mann und Frau“), es wird eng fĂŒr illegale Immigranten („Ab morgen beginnen wir mit dem grĂ¶ĂŸten Abschiebeprogramm, dass die USA je gesehen haben.“) eng wird es fĂŒr die Beamten des Justizministeriums („Die gemeine, gewalttĂ€tige Attacke des Ministeriums – und ich weiss, wovon ich rede – wird enden.“) Eng wird es fĂŒr Panama und den Golf von Mexico – der eine soll heim ins Reich geholt, der andere umbenannt werden. Eng wird es fĂŒr die Klimapolitik, ja sogar fĂŒr E-Autos – leider hat man uns das Gesicht von Elon Musk nicht gezeigt, als der PrĂ€sident ankĂŒndigt, sich nicht lĂ€nger an die Umweltvorschriften zu halten, wonach die Autofirmen eine bestimmte Anzahl an Elektroautos bauen mĂŒssen. Es wird eng. Ausser in den Bohrlöchern der Ölplattformen, dort soll nach „flĂŒssigem Gold“ gebohrt werden, was das Zeug hĂ€lt. Oder um es mit den Worten Donald Trump auszudrĂŒcken: „Drill, baby, drill!“ Nur wie auf diese Weise die Benzinpreise gesenkt werden sollen, wenn die USA jetzt schon der grĂ¶ĂŸte Öllieferant sind, das muss man mir noch erklĂ€ren.

Der ĂŒberragende Trump

Doch kommen wir zurĂŒck zum AtmosphĂ€rischen: den grĂ¶ĂŸten Unterschied zur AmtseinfĂŒhrung Donald Trumps vor acht Jahren verkörpert sein Sohn Barron. Er ist (sieht man von den Kindern des VizeprĂ€sidenten JD Vance ab), der JĂŒngste und der GrĂ¶ĂŸte: wem immer er die Hand schĂŒttelt, sein GegenĂŒber muss weit noch oben in das Gesicht von Barron blicken. Beim ersten Mal war er knapp zehn Jahre alt und wohl vier Köpfe kleiner. 

Barron Trump (18) ĂŒberragt alle. (Foto aus der ORF-TV-Übertragung

Mehr als eine halbe Stunde mĂŒssen die VorgĂ€nger-PrĂ€sidenten, bis auf Barack Obama alle schon deutlich ĂŒber siebzig, stehend auf die Ankunft der Hauptpersonen warten: Joe Biden zieht mit seiner Frau Jill ein, Kamala Harris und ihr Ehemann, danach kommen JD Vance und seine indisch-stĂ€mmige Frau und als vorletzte Melania Trump. Michelle Obama bleibt den Feierlichkeiten fern. Sie wird gewusst haben, warum.

Melania gut behĂŒtet

Melania trĂ€gt ein elegantes, schwarzes KostĂŒm von Ralph Lauren und dazu einen breitkrempigen Hut, der so viel Schatten in ihr Gesicht wirft,, dass kaum ein Gesichtsausdruck vom Fernsehen eingefangen werden kann. Und auch die Kuss-Versuche Donalds scheitern an der breiten Krempe: wenn er seinen Mund zuspitzt, um den Kuss an Melanies Wange landen zu lassen, scheitert das Unterfangen. So schlau hat sich noch keine Ehefrau öffentlich ihren Mann vom Hals – oder vom Gesicht – gehalten.

Schliesslich marschiert Donald Trump ein, unter heftigem Applaus seiner Gefolgsleute. Wie immer in den USA bleibt auch die Trennung von Religion und Staat nur ein GerĂŒcht: Gebetet wurde um die Mittagszeit in Washington um die Wette, jede Religion konnte einen Vertreter entsenden. Beim letzten Priester, einem Schwarzen, der sich geradezu in Rage redet, („Thank You God – we are free again!“) kann Trump sogar ein LĂ€cheln nicht verkneifen. Das wiederum gefriert seinem VorgĂ€nger Joe Biden, als er von Trump das Land beschrieben bekommt, das er in den vergangenen vier Jahren durch schwierige Zeiten, keineswegs erfolglos, gefĂŒhrt hat.

46 und 47 – es trennen sie Welten 

Donald Trump und Joe Biden, im selben Raum, doch es trennt sie Welten. Nr. 46 kann kaum glauben, was ihm Nr. 45 & 47 vorhĂ€lt: Er zeichnet ein grimmiges Bild, spricht vom Niedergang, ja, vom Verfall der USA, der  ein Ende nehmen wird. „Unser Land hat gelitten, aber wir fĂŒhren es wieder zurĂŒck!“ Ohne konkret zu werden, spricht er vom Verrat an den USA, den er zurĂŒck nehmen werde. Insgesamt beschreibt er sein Land als ein korruptes, kaputtes Territorium, das nur er, Trump, wieder zum grĂ¶ĂŸten Land der Welt aufbauen kann. Dazu soll auch das MilitĂ€r beitragen. Weniger als Kampftruppe, die irgendwo im Ausland StĂŒtzpunkte errichten soll, sondern vorwiegend an der Grenze zum SĂŒden, also Mexikos, um dort gegen Einwanderer vorzugehen. Eine Frage bleibt dennoch offen: wie soll Panama dazu gebracht werden, den Kanal wieder unter die Fittiche der Vereinte Staaten zu bringen. Etwa doch militĂ€risch? 

Nach der AmtseinfĂŒhrung geht es gleich so richtig los: Donald Trump unterschreibt vor zehntausenden AnhĂ€ngern in der Capitol-Arena mehr als 100 Dekrete – eine Unterschrift genĂŒgt, und es könnte sich viel Ă€ndern. Könnte, denn ĂŒber geltende Gesetze kann sich auch Trump nicht hinwegsetzen. Zum Beispiel soll es keine automatische StaatsbĂŒrgerschaft mehr fĂŒr Babys geben, die in den USA geboren werden – das aber ist Verfassungsgesetz, und kann nur mit zwei-Drittel-Mehrheit des Parlaments aufgehoben werden. Die Umbenennung des Golf von Mexiko ist auch nicht so einfach, da gibt’s eine eigene Behörde, die das ĂŒberprĂŒfen und umsetzen muss. Der Austritt aus der Weltgesundheitsbehörde (WHO) ist vorwiegend eine Geldangelegenheit – die USA zahlen viel ein, davon profitieren hauptsĂ€chlich arme LĂ€nder, die nun ohne Ă€rztliche Versorgung bleiben könnten. Das Pariser Klimaabkommen hat Trump schon 2017 verlassen, jetzt kommt es darauf an, wie die Bundesstaaten und auch die Industrie reagieren. Davon hĂ€ngt ab, wie hoch der CO2 Ausstoß der USA in den kommenden vier Jahren sein wird. Am meisten sorgen mĂŒssen sich jetzt aber die illegalen Einwanderer, auf sie kommen jetzt wirklich harte Zeiten zu. Oder anders ausgedrĂŒckt: fĂŒr sie wird es nun wirklich eng. Â