Es gibt keine Phrase, die ich so lange im Gedächtnis behalten habe wie die in der Überschrift. Der Satz kam von Susan Spencer, einer US-TV-Moderatoren, die in einem Bericht über Österreich im Jahr 1986 von „Waldheim, a walking public relations disaster“ sprach.
In keinem anderen Jahr wurden die Österreichisch-amerikanischen Beziehungen so sehr auf die Probe gestellt wie in den Jahren 1986 bis 1988. Wie konnte es passieren, dass die Wahl eines österreichischen Bundespräsidenten, die zuvor kaum einen (US-)Hasen aus seinem Bau gelockt hatte, plötzlich auf so riesiges Interesse stößt? Zwei Umstände sprachen dafür: Kurt Waldheim war in den USA kein Unbekannter. Der ehemalige UNO-Generalsekretär hatte es gelegentlich auch in die Schlagzeilen amerikanischer Medien geschafft, zuletzt mit seinem gescheiterten Vermittlungsversuch im Zusammenhang mit den US-Geiseln in Teheran. Doch am 4. März 1986 hatte die „New York Times“ – Schlimmeres konnte man sich schwer vorstellen – seine verschwiegene Vergangenheit in der deutschen Wehrmacht aufgedeckt. „Aufgedeckt“ ist vielleicht ein zu starkes Wort, denn wer die erste Information an die angesehene Zeitung weiter geleitet hatte, ist bis heute unklar. Gleichzeitig hatte auch das „profil“ über Waldheims Kriegsvergangenheit berichtet, die er – jedenfalls in wesentlichen Details – elegant übergangen hatte. Ein Schwarm amerikanischer Reporter – von Nachrichtenagenturen über Zeitungen, von Zeitschriften bis hin zu Radio- und TV-Redakteuren – fiel über Österreich ein und berichtete – atemlos – über jeden neuen Vorwurf, jedes neue Dokument, ob gefälscht oder nicht, jede Wendung in dieser heiklen Angelegenheit. Im Fernsehen wurden die Berichte immer wieder unterlegt mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg: Hitlers enthusiastische Begrüßung bei seinem Einmarsch in Wien, Juden reinigen mit Zahnbürsten die Wiener Gehsteige, KZ-Lager mit massenhaft getöteten Juden.
Wieder einmal kommt mir gelegen, dass ich ein „Jäger und Sammler“ des Journalismus geworden bin: vor vierzig Jahren liess ich mir von Freunden in New York und von Kollegen bei CBS VHS-Kassetten schicken, die „Waldheim-Beiträge“ enthielten. Rechtzeitig bevor Videobänder nicht mehr abgespielt werden konnten, wurden sie auf DVDs überspielt. Auf diese stützen sich die folgenden Ausschnitte, die aufzeigen, wie sehr sich US-Journalisten damals mit Österreich beschäftigten.
Tom Fenton, CBS News
Hier in Österreich hat keine der Vorwürfe Waldheims Wahlkampagne geschadet. Mit großer Mehrheit wiesen die Österreicher die Einmischung in ihre Wahlen von sich. Im Gegenteil: die Vorwürfe haben seine Chancen zu gewinnen nur vergrößert. Zur Überraschung gehören gerade junge Menschen, die keine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg haben, zu seinen größten Unterstützern. Latenter Antisemitismus wurde an die Oberfläche gespült. Seine regelmäßigste Antwort auf die Vorwürfe ist zu seinem populären Wahlkampf-Thema geworden: „Ich war ein anständiger Soldat im 2. Weltkrieg – das ist alles, was man mir vorwerfen kann.“
Nächster Tag: Tom Fenton berichtet von der Jubelfeier vor dem ÖVP-Hauptquartier in der Kärntner Strasse: „Die Freudenkundgebungen der vergangenen Nacht haben einen Schlusspunkt unter die bitterste Wahlauseinandersetzung in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg gesetzt.
Junger Mann mit Fliege: „Ich bin mir sicher, ab morgen werden Glückwünsche aus der ganzen Welt eintreffen.“
Österreichs Juden sehen sich als eigentliche Verlierer dieser Wahlen, denn sie haben die stärksten antisemitischen Tendenzen seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst.
Marta Halpert: „Also, als glückliches Land würde Österreich im Moment nicht bezeichnen.“
Thomas Chorherr (Chefredakteur der ‚Presse‘): „Was wir nun tun müssen ist, das Bild von Österreich wieder ins rechte Licht zu rücken.“
Tom Fenton: „Um ihr Image wieder aufzupolieren, kommt auf Österreich viel Arbeit zu. Israel hat den Botschafter zurück gerufen, und es wird wohl nicht viele westliche Länder geben, die in Zukunft einen Besuch von Präsident Waldheim begrüßten werden.“
Nächster Beitrag, ebenfalls Tom Fenton:
Intv. mit Kurt Waldheim: „Nun, wenn ich gewusst hätte, dass dieser Aspekt eines Tages gegen mich verwendet werden würde, hätte ich es sicherlich erwähnt. Aber das ist alles eine Übertreibung. Es wird sich rasch legen…“
Simon Wiesenthal: „Ich habe schon lange vor der Wahl zwei Verlierer gesehen. Verlierer Nummer Eins: Das Image von Österreich. Verlierer Nummer Zwei: Die Juden.“
Garrick Uttley, NBC News – Vor der Stichwahl, im Bild sieht man eine Gruppe von Menschen heftig diskutieren: „So hört es sich an, wenn Skelette aus dem Keller auftauchen, und das größte Skelett ist der Antisemitismus…“
Eine alte Frau mit weißem Kopftuch, auf deutsch: „Der soll die Goschn halten und nach Israel gehen…“
Uttley in die Kamera: „Es gibt einen lokalen Witz hier der sagt, Österreich habe die Welt überzeugt, dass Beethoven ein Österreicher war und Hitler ein Deutscher. Hitler war selbstverständlich ein echter Österreicher. In seinem Buch „Mein Kampf“ schreibt er, dass er hier in Wien zu einem Antisemiten geworden ist.“
Vor Schwarz-Weiss-Bildern vom Einmarsch der Nazis in Österreich heisst es im Text: „1938 kehrte Hitler in seinem Heimat zurück, annektierte Österreich in das deutsche Reich – er wurde wie ein Held begrüsst. Tatsächlich ist ein größerer Prozentsatz an Österreichern in die Nazi-Partei eingetreten als in Deutschland. In Wien wurden Juden gezwungen, den Gehsteig mit Zahnbürsten zu putzen. 220.000 Juden lebten in Österreich bevor die Nazis kamen, am Ende des Krieges waren es 200. Den Österreichern wurde es quasi gestattet, ihre Verantwortung (für die Verbrechen) zu vergessen, weil schon während des Krieges die Alliierten Österreich zum ersten Opfer der Nazi-Aggression erklärt hatten.“ Unterlegt mit Walzermusik sieht man Garrick Uttley vor der Strauss-Statue im Stadtpark stehen: „In der Fledermaus gibt es einen berühmten Satz, den die Österreicher gerne zitieren: ‚Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist…‘ Kurt Waldheim hat tatsächlich viel vergessen. Als seine Kriegsaktivitäten in die Öffentlichkeit gelangten, hat er wenig Zorn und wenig Gewissensbisse gezeigt..“ Waldheim: „Es gibt überhaupt keine Basis für diese Story und daher nehme ich das auch nicht ernst.“ Simon Wiesenthal verteidigt Waldheim: „Man kann nicht jemanden etwas vorwerfen, und danach nach Dokumenten suchen. Heute werden fünf oder sechs Papiere präsentiert und dann wird versprochen, nächste Woche kommen mehr. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Und wir sollten nie Politik mit Recht vermischen.“
Dann kommt Hubertus Czernin zu Wort, der ja im Profil die ersten Vorwürfe veröffentlicht hat. Er sagt, all das überrascht ihn nicht. „Waldheim repräsentiert Österreich – und das ist traurig, wenn man das sagen muss – perfekt. Er ist derjenige, der sagt, lassen wir uns nicht über die Vergangenheit sprechen, er sagt, ich habe jüdische Freunde – er ist der perfekte Präsident. Aber es ist eine Schande.“
ABC News Peter Jennings: „Heute wird in Österreich die Stichwahl für die Präsidentschaft abgehalten. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird Kurt Waldheim ab morgen der neue Österreichische Präsident. Wie sie ja schon seit Wochen gehört haben, sind die Vorwürfe, dass Waldheim in Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg verwickelt war, DAS Thema des Wahlkampfes gewesen. ABC News Barrie Dunsmore berichtet:“

„Antisemitismus ist zurückgekehrt. Karl Pfeifer, ein jüdischer Verleger: ‚Wir bekommen Dutzende und Aberdutzende von Briefen, mit antisemitischem Inhalt. Hier (liest aus einem Brief vor):’ Haben Sie nichts aus der Vergangenheit gelernt? Lang lebe der Antisemitismus!.’ Viele Österreicher verstehen auch nicht, wie die USA offenbar planen, Waldheim an der Einreise in die USA zu hindern, wenn es gleichzeitig viele Jahre lang Diktatoren wie Marcos in den Philippinen oder Pinochet in Chile unterstützt hat. Eugen Freund: „Ich nenne das Heuchelei, wenn man bedenkt, wie Waldheim in den amerikanischen Medien behandelt wird. Man behandelt ihn wie einen Kriegsverbrecher.“
NPR News: „Sonntag ist Wahltag in Österreich. Ein Ereignis, das normalerweise kaum ein Interesse jenseits der Alpen erwecken würde. aber der führende Kandidat ist der frühere UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim. Seit dem Beginn des Wahlkampfes sind eine Reihe von Anschuldigungen aufgetaucht über Waldheims Tätigkeit in der Armee Adolf Hitlers. Don Murray von der CBC (Kanada) berichtet“:
„Er hat seinen Wahlkampf damit begonnen, dass er der Mann sei, dem die Welt vertraut. Aber jetzt, am Ende, spielt Waldheim nicht mehr den beruhigenden Diplomaten. Zornig berichtet er seinem Publikum, die Welt sei dran, ihn zu kriegen. ‚Lassen sie sich nicht von Ausländern beeinflussen, für wen sie wählen. Sie haben in meiner Vergangenheit herumgewühlt – es ist eine schmutzige Kampagne. Aber ich habe nichts zu verbergen. Ich war nur ein Soldat, der aus Angst gekämpft hat – die wollen eine ganze Generation in den Schmutz ziehen.’ Später, in einem kurzen Interview, nennt er den World Jewish Kongress, seinen Erzfeind. Und er schlägt gegenüber dem Vorsitzenden Edgar Bronfman zurückk, wonach er – Waldheim – gelogen habe, was seinen Einsatz im Zweiten Weltkrieg und sein Wissen über Kriegsverbrechen betrifft.
„Er ist ein Lügner, nicht ich. Jeden Tag kommt er mit alten Dokumenten daher, die absolut nichts enthalten. Und er versucht verzweifelt, mich zu verunglimpfen.“
48 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur noch eine Synagoge in Wien. Früher gab es noch 200.000 Juden, denen es gut ging, jetzt sind es weniger als 8.000. Viele fürchten sich. Gefangen im Kreuzfeuer dieses Wahlkampfes, manche wünschten, dass die Vergangenheit nicht wieder hochgespült worden wäre. Ein Jüdischer Bürger vor der Synagoge: „Wir sollten nicht vergessen, was passiert ist, aber wir müssen vergeben. Und: Hass sorgt nur für mehr Hass.“ Leon Zelman stimmt dem nicht zu. Als Direktor des „Jewish Welcome Service“ hat er sein halbes Leben versucht, die Österreicher über ihre Vergangenheit aufzuklären. Er hat sich oft zu Wort gemeldet und hat hunderte antisemitische Briefe dafür bekommen. aber, so sagt er, das selbstgefällige Alibi, dass Österreicher Opfer des Nationalsozialismus waren, müsse gebrochenen werden. Er findet es deprimierend, ja geradezu tragisch, dass Waldheim sich Waldheim wieder auf dieses Alibi ausredet. „Er gibt ihnen ein Signal, er gibt ihnen Absolution – Ende der Diskussion! Verstehen Sie, was ich meine?“ In Baden, wo Waldheim seine Doktorarbeit schrieb, in der immer bewundernde Hinweise auf die Nazi-Ideologie verstreut sind, wird die Vergangenheit – Österreichs und Waldheims – nicht einfach weggeschoben. Ein Marktfrau sagt: „Wenn man die Wahrheit sagt, ist es viel besser. Wenn er von Anfang an die Wahrheit gesagt hätte, wäre es besser gewesen, für ihn und für uns alle.“ Ein junge Frau widerspricht: „Es ist nicht fair, Dinge aus seiner Vergangenheit herauszuklauben, die keine große Angelegenheit sind. Und er hat in den vergangenen vierzig Jahren bewiesen, dass er für den Frieden arbeitet, für die gute Sache.“
Der andere Kandidat, Kurt Steyrer, hat von den Angriffen gegen Waldheim nicht profitiert. Er sagt, Österreichs Image haben durch diese Kontroverse großen Schaden erlitten. Aber im gleichen Atemzug sagt er, die Debatte ist keine über Österreich, sondern eine über seinen Gegenkandidaten. Steyrer: „ Wenn man sich die Aussagen des WJC anhört, und die Vergangenheit von Kurt Waldheim mit der Österreichs gleichsetzt, ist das ein Fehler.“ Trotz der Diskussion über Waldheims Vergangenheit erwarten die meisten Menschen, dass er am Sonntag gewinnen wird. Aber selbst seine Unterstützer haben Schwierigkeiten, das enthusiastisch zu begrüssen. Ein höherer Parteifunktionär bezeichnete ihn als das geringere von zwei Übeln. Diese lauwarme Unterstützung ist darauf zurück zu führen, dass eine neue Frage auftaucht: Was passiert, wenn Waldheim gewählt wird und dann gemieden wird, quasi unter Quarantäne steht, von Regierungen, die früher freundlich gesinnt waren.“ Michael Graff, Generalsekretär der ÖVP, kommt zu Wort: „Österreichs Image hat gelitten, kein Zweifel und wir werden es überwinden müssen. Aber gleichzeitig gab es Präsidenten, etwa in Deutschland, die viel tiefer verstrickt waren im Nationalsozialismus und nichts ist passiert. Also, das Thema wird aus den Zeitungen verschwinden.“ Aber im Moment dominiert die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Die freundliche Vergangenheit, wie sie Waldheim folkloristisch in seinem letzten Wahlkampf-Auftritt beschreibt, wenn er für strengere, sauberere moralische Werte von früher aufruft. Aber auch die verstörende Vergangenheit der Nazi-Zeit, und Waldheims Rolle dabei, die von Demonstranten und deren Plakaten wachgerufen wird, bis die Poster von zornigen Waldheim-Unterstützern runtergerissen werden.“
CBS „60 Minutes“, das populärste Nachrichtenmagazin in den USA, berichtet ausführlich über die Waldheim-Kontroverse. Der angesehene Reporter Mike Wallace, kommt nach Wien, um dort seine Reportage zu gestalten. Ein Termin führt ihn sogar in mein Wohnzimmer. Aber nicht um mich zu interviewen, sondern um mit Axel Corti zu sprechen, der mit seinem Film „Welcome in Vienna“ internationale Bekanntheit erlangt hatte. Mein Wohnzimmer wurde in ein Aufnahmestudio umgebaut, Scheinwerfer und zwei Kameras wurden aufgestellt, alles, was nicht ins Bild passte, abgehängt oder umgeräumt. Das Interview dauerte eine knappe Stunde, im fertigen Beitrag fand es allerdings keinen Eingang. Wallace war es wichtig(er), Waldheim ausführlich zu Wort kommen zu lassen.
Waldheim: „Ich sage Ihnen etwas, das ich auch schon öfter gesagt habe: das war ein grausamer Krieg, auf beiden Seiten, wir müssen das anerkennen. Diese deutschen Soldaten hatten ihre eigenen Probleme, sie mussten sich auch verteidigen…“
Mike Wallace: „Erinnern Sie sich noch an das Interview, das sie kürzlich der BBC gegeben haben, wo es um die deutschen Einsätze gegen die jugoslawischen Partisanen ging und sie sind dabei ziemlich emotional geworden, als von den deutschen Verlusten die Rede war.“ Man sieht das BBC Material und einen aufgebrachten Waldheim: „Sie sprechen vom Leid der Partisanen, das ich zu tiefst bedaure…“ Einwurf des Reporters: „Ich spreche nicht von den harten Kämpfen, ich spreche von den Verlusten…“ Waldheim lässt ihn nicht aussprechen, schlägt mit der Hand auf den Tisch: „Die deutschen Soldaten hatten auch ihre Verluste, tausende und abertausend Verluste…bitte seien sie ein wenig objektiver…“ Schnitt zurück zum Interview mit Mike Wallace. Waldheim sagt: „Das rechtfertigt nicht die Grausamkeiten, die verübt wurden..“ Mike Wallace wirft ein: „Die Deutschen waren die Invasoren, die Partisanen haben ihr Land verteidigt…“ Waldheim: „Wie können Sie mich dafür verantwortlich machen, dass dieses schöne Land überfallen wurde. Ich war selbst ein Opfer dieser Hitler-Zeit. Ich, meine ganze Familie. Ich bin ja nicht freiwillig dorthin gegangen. Die Alternative wäre gewesen, dass man mich hingerichtet hätte. Ich war dort, ja, aber ich war nicht persönlich Involviert in irgendwelchen Kriegshandlungen gegen die Partisanen. Und ich hatte keinerlei Macht, Hinrichtungen anzuordnen oder irgendwelche Vergeltungen. Ich sass im Kommandozentrum, schrieb meine Lage-Beurteilungen – das war alles, was ich machte.“ Was die Deportationen von Juden aus Saloniki betrifft – ein weiterer Vorwurf gegenüber Waldheim – so wies dieser auch dabei jede Schuld und jede Mitwisserschaft von sich. Israel Singer, der Generalsekretär des „World Jewish Congress“ behauptete im gleichen „60 Minutes“-Beitrag, er habe ein Dokument, das beweise, dass Waldheim von den Deportationen der Juden gewusst haben musste… Mike Wallace zu Israel Singer: „Aber er (Waldheim) behauptet, er war zweihundert Kilometer vom Schauplatz entfernt..“ Israel Singer: „Diese Dokumente gingen zu einer Einheit, bei der er der Aufklärungs-Offizier war…Entweder hat er seine eigenen Instruktionen nicht gelesen oder er nicht einmal seine eigenen Zeitungen, die einzige deutschsprachige Zeitung in dieser Region. Dort gibt es Fotos von 12.000 Juden, die deportiert wurden. Es ist unverständlich, dass er das alles nicht gelesen hat, einfach unverständlich. Nach all den Änderungen (in seinem Lebenslauf) von denen wir zwischen 1941 und 1945 gehört haben, ist seine Glaubwürdigkeit völlig im Zweifel – und das betrifft auch diesen Bereich.“
Waldheim: „Ich war während der wesentlichen Deportationen nicht anwesend, ich war nicht einmal physisch anwesend in Saloniki. Bitte verstehen Sie, und ich bitte Sie eindringlich mir zu glauben, ich sage die Wahrheit.“
Kurz danach liest ihm Mike Wallace einen Absatz aus einem Artikel im Londoner „Daily Telegraph“ mit der Überschrift „Österreich, die Nazis und die Juden“ vor: „Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass Waldheim zum Präsidenten gewählt wird, nicht trotz seiner Nazi-Vergangenheit sondern gerade wegen dieser Nazi-Vergangenheit.“ Waldheim: „Das ist nicht wahr. Ich war in den Umfragen immer schon vorne, von Anfang an, weil die Menschen gefühlt haben, dass ich die notwendige Erfahrung für dieses wichtige Amt habe. Also, jetzt zu sagen, ich werde gewählt – hoffentlich werde ich das – aber sicherlich nicht wegen dieser Episode. Das ist traurig genug, ich bedaure das…“ MW: „Sie müssen sich schon auch ein bisschen selbst die Schuld geben, weil sie nicht offen genug waren, nicht mitteilsam genug – in den Büchern, die sie geschrieben haben, in den Antworten, die Sie gaben…“ Waldheim: „Ich habe das nicht aus Absicht gemacht – ich entschuldige mich bei all meinen Freunden in den Vereinigten Staaten und hier, dass ich das nicht erwähnt habe. Wenn ich sie in die Irre geführt habe – es tut mir leid.“
Neuerlich aufgeflackert ist das Interesse amerikanischer Medien an Österreich, oder genauer, an Kurt Waldheim, als im Frühjahr 1987 die Entscheidung des US-Justizministeriums bekannt wurde, dass Waldheim tatsächlich auf die „Watchlist“ gesetzt wurde. Damit wurde die Privatperson Kurt Waldheim nicht nur daran gehindert, in die USA einzureisen, es stellte das Verhältnis Österreichs zu den Vereinigten Staaten neuerlich auf eine starke Probe. Unvergesslich ist mir in dem Zusammenhang geblieben, als Robert Hochner, der ZIB-2 Moderator, in einer Schaltung nach Washington den ORF-Korrespondenten Klaus Emmerich fragte, wie sehr denn den Amerikanern bewusst sei, dass sie mit dieser Entscheidung, Proteste in Österreich auslösen würden. Emmerich darauf, kurz und schmerzlos: „Es gab einmal einen amerikanischen Film: ‚Denn Sie wissen nicht, was sie tun!‘“
Darüber hinaus beauftragte die Bundesregierung eine Historiker-Kommission aus internationalen Experten, die Kriegs-Vergangenheit Waldheims unter die Lupe zu nehmen. Die Historiker kamen zum Schluss, dass Waldheim zwar nicht direkt an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war, jedoch viel mehr über die Grausamkeiten gewusst haben musste, als er zugegeben hatte.
Die TV-Gesellschaft ABC flog ihre Top-Reporter Ted Koppel („Nightline“) und Pierre Salinger (ehemals Pressesprecher von Präsident John F. Kennedy) nach Wien ein, um Waldheim zu interviewen. Koppel, dessen Eltern im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland erst nach England und dann in die USA flüchteten, packte sogar sein rudimentäres deutsch aus, um aus dem Bericht der Historiker-Kommission zu zitieren. „‚Waldheims Behauptung, er habe nichts von Abtransport der Juden vom griechischen Festland und von der griechischen Insel gewusst,‘“ (danach übersetzt Koppel das eben Gesagte auf Englisch, um dann auf deutsch fortzufahren), „stützt sich darauf: A) er habe davon erst nach dem Kriege erfahren…Is that right? Are you still maintaining this?“ Waldheim: „Yes“
Koppel zitiert weiter: „Er wäre zur Zeit der Ereignisse nicht in Griechenland gewesen. Are you still maintaining this?“ Waldheim, hier aus dem englischen übersetzt: „Sie müssen deutlich unterscheiden: Ich wurde die ganze Zeit nach Saloniki gefragt und habe das immer ganz genau beantwortet. Und die Historikerkommission, die ich zu mir eingeladen hatte, fragte mich danach und ich habe gesagt: ‚Sehen Sie, ich war nicht dort und daher konnte ich auch nichts gewusst haben.‘ Und was die Inseln betrifft, gibt es kein einziges Dokument, das in irgendeiner Form beweist, dass diese Angelegenheit über meinen Tisch ging…“ Koppel: „Noch ein Punkt. ‚Die Wehrmacht wäre nicht in diese Taten verwickelt gewesen, und deshalb hätte er als Wehrmachts-Mitglied nichts mit diesen Taten zu tun gehabt.‘“ Waldheim: „Ja, das ist so.“
In einem Interview fragte ich Ted Koppel danach, was ihn und seine US-Kollegen bewogen habe, um die halbe Welt zu fliegen, nur um einen Wahlkampf eines österreichischen Präsidentschaftskandidaten bzw. Präsidenten zu covern. Ted Koppel: „Ich glaube, es liegt daran, dass Dr. Waldheim in den vergangenen zwei Jahren seine Geschichte so oft geändert hat, aber jedesmal nur nachdem Beweise vorgebracht wurden, die man nicht leugnen kann. Und Tatsache ist auch, hier ist ein gewählter Präsident eines Landes, mit dem wir immer innige Beziehungen hatten, und ich glaube, man spürt auch, dass seine Unfähigkeit, mit diesem Thema zu Rande zu kommen, die Stimmung eines Landes widerspiegelt. Die Tatsache, dass die Österreicher ihn – trotz all dem – mehrheitlich gewählt haben und Meinungsumfragen zeigen, dass er immer noch unterstützt wird, deutet darauf hin, dass Österreich selbst noch nicht mit dem zu Rande gekommen ist, was hier und in der Region vor vierzig, fünfundvierzig Jahren passiert ist. (…) Worum es hier geht ist nicht so sehr was ein junger Oberleutnant als Zwanzigjähriger am Balkan getan hat, es geht darum, dass dieser Mann behauptet, eine Führungspersönlichkeit zu sein – wenn Sie oder ich nicht in der Lage sind, einen gewissen moralischen Mut zu zeigen, dann ist das eine Sache. Aber von unseren Führungspersönlichkeiten erwarten wir uns mehr und nicht weniger…Und das zu zeigen, dazu ist er offenbar nicht in der Lage.“

Letztlich verloren die Amerikaner das Interesse an Kurt Waldheim und an Österreich. Bis im Februar 2000 Jörg Haider – ein weiterer „Gott-Sei-Bei-Uns“ – seine Partei in die österreichische Regierung führt und die US-Medien wieder auf den Plan ruft: Trommelwirbel, Musik, eine sonore, bekannte Stimme, der Nachrichtenmoderator Dan Rather, eröffnet die „CBS Evening News“: „Ein Echo aus nazistischer und antisemitischer Vergangenheit löst Angst und Zorn in Europa aus…weil ein früherer Bewunderer Hitler’s die Macht in Österreich erobert…“ Doch das ist einen andere Geschichte.
Ein Video dazu erschien dieser Tage auf Christian Nussers „Newsflix“: klicke hier: https://www.newsflix.at/s/amerika-und-wir-so-erlebte-ich-die-waldheim-affaere-120165235