







From top:
View from my room
Central Park
Counterfeit bags and their sellers
Eugen Freund with Carl Bernstein
Elias Bernstein and his mother ZhongMei Li
Lange war ich mir unsicher, ob ich nochmals in die Vereinigten Staaten reisen sollte. Zu oft hatte ich von Vorfällen gelesen, wo selbst unschuldige Touristen bei der Einreise verhaftet und danach abgeschoben wurden. Hatten sie, wie ich etwas, nein, ein ganzes Buch geschrieben, das Donald Trump, den Präsidenten, nicht in den höchsten Tönen lobte (Mein Beitrag dazu heisst: „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg – Wie Europa und die USA auseinanderdriften“, erschienen im Herbst 2025 im Wieser Verlag – der Titel ist bis heute gültig!). Auch in den Sozialen Medien war ich nicht ganz untätig. Die Einwanderungsbehörde hatte neue Vorschriften verordnet, unter anderem müssen vor der Einreise alle Kontakte mit eben diesen sozialen Medien bekannt gegeben werden. Ich hatte zwar schon seit mehreren Monaten nichts Anstößiges über die USA geschrieben, doch sicherheitshalber nahm ich ein älteres Handy mit, in dem keine Kommunikations-Apps geladen waren. Die Austrian Airlines brachte mich nach Newark/New Jersey (das klingt jetzt so, als wollte ich eigentlich woanders hin. Nein, das ist der Airport, über den man am leichtesten Manhattan erreicht.) Und tatsächlich: an diesem Abend gab es keine Schlange bei der Immigration, eine Frage: „Business or tourism?“, ein Foto – und zack war ich durch. Alles dauerte nicht länger als zwei Minuten. Gut, dafür musste ich dann auf den Koffer mehr eine halbe Stunde waren. Und auch die moderne Einweg-Bahn, die die Fluggäste zum Zug bringt, machte ihrem Namen diesmal alle Ehre: der zweite Schienenstrang war demoliert, so konnte auch immer nur ein Triebwagen vom Terminal zum Bahnhof fahren.
Ich drücke auf den Knopf mit „65“ und der Lift fährt los. 35 Sekunden dauert die Fahrt hinauf. Mein Quartier für den New York Besuch liegt diesmal in einem Wolkenkratzer. Freunde haben mich eingeladen, bei ihnen zu wohnen, obwohl sie gar nicht zuhause sind. Beim Portier am Eingang liegt ein Schlüssel für mich bereit, der Lift saust nach oben: bis zum 47. Stock gibt es gar keinen Stopp, auch danach bleibt der Aufzug ohne Unterbrechung erst im gewünschten Stockwerk stehen. Ich steige aus, sehe mich um: rechts an der Wand steht „A bis B“, links „D“ und „C“. Ich schliesse 65 C auf. Gleich neben der Eingangstür liegt ein Zettel mit Anweisungen und Hinweisen: mein Zimmer befindet sich gleich nach dem Gang rechts, der Code für das Internet lautet soundso, für die Heizung gibt es einen Thermostat in jedem Raum, im Kühlschrank gibt es natürlich Milch und Sodawasser, „when you are hungry, take whatever you want“. Mein Schlafzimmer hat einen phantastischen Ausblick: weit in den Westen, über den Hudson River hinweg nach New Jersey. Immer wieder queren Schiffe den Fluss von oder nach Manhattan, gelegentlich fährt ein größerer Tanker langsam gegen die Strömung nach Norden.
*. *. *
Ich gehe zum Abendessen in ein Lokal schräg gegenüber der Carnegie Hall. Die Rezeptionistin erkennt, dass ich alleine bin und fordert mich auf, mich neben die Bar zu stellen. Kurz danach kommt ein Paar in etwa meinem Alter. Er stellt sich hinter mich und sagt: „I’m after you“. (Nur im Englischen ist das doppeldeutig: „after you“ heisst sowohl „hinter ihnen“ als auch „nach ihnen her“.) Darauf ich: „What have I done that you’re after me?“ Es beginnt eine Diskussion („Where are you from?“ „My German ancestors‘ name was Tröschler – Du you know him?“ Keine Ahnung – es stellt sich heraus, der war ein nationalistischer Vorgänger der NSDAP.) Danach fragt er, ob ich alleine bin. Weil ich das bejahe, teilen wir der Rezeptionistin mit, wir hätten gerne einen Tisch für drei. Es war der unterhaltsamste Abend seit langem. Z. B. Er: „I come from a family of bank robbers. Now my son is printing paper money with traces of gold.“ Ich: „So now you’re robbing people…“) Dann erzählt er, dass er gerade in Mekka war, dort für Trump gebetet hat („He is a terrible person!“). Ich erzähle ihm von meinem Buch. „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg“. Dann äußere ich einen Verdacht: „Are you with the FBI?“ Er: „How do you know?“ „So wie sie reden, müssen sie vom FBI sein!“ Darauf erwidert er: „Wenn sie zum Flughafen kommen, werde ich sie auffliegen lassen.“ „Aber ich werde ihnen nicht verraten, von welchem Flughafen ich abfliege.“ „Keine Sorge, die Leute vom FBI werden sie finden.“ Danach bietet er an, mein Abendessen zu bezahlen. Ich weise das ab. Er besteht darauf. „Ich bekomme das Geld ohnehin vom FBI zurück, und zusätzlich zahlen sie mir noch eine Kopfprämie dafür, dass ich sie habe hochgehen lassen.“ Er zahlt tatsächlich. Und macht mir ein kleinwenig Sorge, was nun am Flughafen passieren wird, wenn ich in fünf Tagen abfliege. Wird man mich jetzt bei der Ausreise verhaften? Oder war das – wie ich ohnehin angenommen habe – alles nur Spass? Am Ende stellt sich heraus: es war.
*. *. *
Es ist ein kalter Tag, windig, nicht mehr als ein, zwei Grad. Ich begleite eine dänische Touristin zur Südspitze von Manhattan, wir hatten beide den gleichen Weg: eine Schiffsfahrt an der Freiheitsstatue vorbei. Wir wissen, dass die billigste Art, die „Statue of Liberty“ aus der Nähe zu sehen, mit der „Staten Island Ferry“ ist. Ich muss allerdings bis Mittag wieder in Midtown sein, weil ich meinen Neffen, einen Anwalt, zum Essen treffen will. Als wir in der Nähe des Hafens sind, spricht uns ein offiziell aussehender Mann mit blauer Jacke und entsprechender Aufschrift der Hafenbehörde an. „Das dauert zwei Stunden,“ erklärt er uns, „eine dreivierte Stunde Hinfahrt, dann müssen sie dort aussteigen, auf das nächste Schiff warten und dann wieder zurückfahren.“ Das hört sich für meinen Terminplan ziemlich knapp an. „Aber wenn sie eine Runde direkt um die Freiheitsstatue drehen wollen, dann geht das in einer Stunde.“ Wir lassen uns überreden, trotz des hohen Preises von 50 Dollar – man lebt schliesslich nur einmal. Danach führt er uns zu Fuss weg vom Hafen („Do you wanna see the Charging Bull, one of the landmarks of Wall Street?“ „Nein, danke, wir wollen nur die Rundfahrt machen!“) Bei einer – nicht erkenntlichen – Bus-Station, wo schon ein paar Touristen warten, lässt er uns stehen. Der Wind bläst, der Bus kommt nicht. Nach ca. einer halben Stunde steigen wir dann ein. Zu unserer großen Überraschung fährt die Gruppe nun stadtauswärts, bis zur 40. Strasse, immer weiter weg von der unserem eigentlichen Ziel. Es stellt sich heraus, dass dort der eigentliche Abfahrtshafen für die Rundfahrt ist. Doch kein Schiff ist zu sehen. Ein anderer Führer weist uns in einen, wenigstens gewärmten, Aufenthaltsraum ein und teilt uns mit, er würde uns um 11 Uhr 30 zum Schiff bringen. Ich texte meinem Neffen, dass er das Essen auf 13 Uhr verschieben soll, weil ich es früher nicht schaffen werde. Doch auch um diesmal gehen wir nicht pünktlich aufs Schiff. Wir warten wieder im Freien, es wird immer kälter. Um 11 Uhr 50, noch immer bewegt sich die Warteschlange nicht, beschliesse ich, die Reissleine zu ziehen. Ich verabschiede mich von der dänischen Touristin und gehe zu meinem Treffen. Später erfahre ich von ihr, dass das ganze Unternehmen drei Stunden gedauert hat. Schön hinein gelegt.
*. *. *
Kein Besuch in Manhattan ohne einen Spaziergang im Central Park.
Es war der erste warme Tag in New York, ich hatte mich mit Renee Price verabredet, der Direktorin des sehr erfolgreichen Wien-affinen Neuen Museums an der Fifth Avenue. Ich ging extra etwas früher von „zuhause“ weg, der Tag war einfach zu verlockend. Die Strassen durch den Park waren voll mit Spaziergängern, Rad- und Rollschuh-Fahrern, und auch sonst herrschte, wie soll ich es nennen, buntes und reges Treiben. Ich legte mit auf eine Bank, rollte meine Jacke als Polster zusammen und genoss die warmen Strahlen der Frühlingssonne. Die große Wiese („Great Lawn“) war noch gesperrt, sie wird erst geöffnet, wenn das Gras von den verschiedensten Ball-Spielern und all denen, die hier einen Picknick-Platz suchen, keinen Schaden mehr nimmt. Die wenigen Kaffee-Häuser im Park waren gut besucht, im Teich – ich war mittlerweile wieder weiter gegangen – schwammen ein paar Enten, die sich über Brotkrumen freuten. Neben einem Roller-Skater-Platz setzte ich mich wieder hin. Zwei ältere Herren zogen ihre Kreise, einer war besonders geübt, er fuhr vorwärts und rückwärts, sogar wie ein Ballett-Tänzer nur auf je einem Rad an der Spitze. Ein anderer gesellte sich zu zwei Damen, die auf der Bank neben mir saßen. Nach nicht einmal einer Minute waren sie schon beim Thema Nummer eins: Trump. Sie hatten, so viel konnte ich rasch erkennen, nicht viel für ihn übrig. Der Krieg sei unnötig, sagte der Mann auf den Rollschuhen, man brauche nur die Gaspreise ansehen. Wenn das so weiter geht, ergänzte er, dann werden ihm (Trump) das die Wähler im Herbst (bei den Zwischenwahlen, bei denen er natürlich nicht kandidiert) heimzahlen. „Come to think of it“, wirft ein zweiter Mann, der kurz zugehört hatte, ein, „wenn der Schütze nur einen Zentimeter weiter rechts gezielt hätte, würde heute alles anders sein!“ Er bezog sich ganz eindeutig auf das Attentat am 13. Juli 2024, als Donald Trump bei einer Rede im Freien von einem Gewehrschuss am Ohr verletzt wurde und danach sein unvergessliches „Fight, fight, fight!“ In die Menge rief. Immer wieder wird auch über seine Nachfolge diskutiert. Was passiert, sollte Trump noch im Amt sterben? Dann fällt das Amt seinem Vizepräsidenten, JD Vance, sozusagen in die Arme, danach würde der als Präsident in den Wahlkampf ziehen. Sollte Trump jedoch bis zum Wahlkampf 2028 im Weißen Haus bleiben, wird es einen beinharten Nachfolgekampf geben – sicher zwischen Vance und Aussenminister Marco Rubio und wer immer sich noch dazu gesellt. Bis dahin wird sich auch des Feld auf der demokratischen Seite sortiert haben.
*. *. *
Canal Street war zu meiner New-York-Zeit in den frühen Neunzehn-Achtziger Jahren meine Lieblingsgegend. Dort bekam man einfach alles, Elektrogeräte, Kabel, Bastelbedarf und allen möglichen junk. Mittlerweile sind vor allem die Zufahrtsstrassen voll mit schicken Geschäften, Broadway ist total gentrifiziert, früher gab es vorwiegend Galerien, jetzt haben sich dort Boomingdale’s, Madden’s Flagship Store, Uran Rivivo und dergleichen eingenistet. Gelegentlich konnte man auf der Canal eine billige Rolex erhaschen (war eh nicht Original, aber das stellte sich dann erst später heraus). Diesmal sind dutzende afrikanische Händler zu sehen, die aus ihren vollgestopften Wagen, die sie hinter sich herzogen, die unterschiedlichsten Accessoires verkaufen, Handtaschen jeder feinsten Marke und Größe, Sonnenbrillen, Schmuck, auch Uhren, alles wohl nachgemachtes. Immer wieder blicken die Verkäufer (keine -Innen!)
nervös um sich. Einer ist am Handy, ruft den anderen etwas Unverständliches zu. Sofort werfen sie die restlichen Waren, die am Gehsteig ausgebreitet waren, in den Wagen, decken ihn mit einem schwarzen Tuch zu und wechseln rasch zumindest die Strassenseite. Ganz klar ist mir nicht, vor wem oder was sie flüchten. Und: was macht es für einen Unterschied, ob die Ware offen oder zugedeckt im Wagen liegt, es ist ganz klar, dass hier etwas Illegales passiert. Doch sie werden schon wissen, was sie tun. Ihre Flucht verbreitet sich in Windeseile, alle „Händler“ innerhalb der nächsten hundert Meter packen rasch alles zusammen und ziehen ab. Die Käufer, in vielen Fällen ahnungslose Touristen, die gerade ein gutes Geschäft machen wollten, oder zumindest glaubten, es sei ein gutes Geschäft, bleiben oft mit offener Brieftasche und offenem Mund zurück.
*. *. *
Der eigentliche Grund für meinen New-York-Besuch war eine Erinnerungsfeier für meinen Freund Richard Bernstein, einem langjährigen Korrespondenten der New York Times. Er starb vor genau einem Jahr, ich war ganz kurz vor seinem Tod noch bei ihm. Die Witwe, Zhong-Mei, eine aus China stammende Ballet-Tänzerin und ihr Sohn Elias luden mich zu dieser Feier ein. Außer mir waren noch Roger Cohen, ein anderer langjähriger Freund aus der NYT und Kati Marton, ebenfalls eine bekannte US-Journalistin, dabei. Wir drei, sowie Richards Schwester, sein Neffe, sein Sohn Elias und zwei weitere Freunde, erinnerten in Reden an sein Leben, seine Arbeit, seine Bücher. Im Publikum hatten sich rund einhundert Bekannte des Verstorbenen eingefunden, unter anderem auch Carl Bernstein, der berühmte Watergate-Aufdecker. Er begrüsste mich we einen alten Bekannten, wir hatten uns vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung in Wien getroffen. Und er fragte mehrmals, wie es Oscar Bronner geht, dem Herausgeber des Standard. Gut, sagte ich, gut, soweit ich es weiß.
Im folgenden Auszüge aus meiner Rede:
Commemorating Richard Bernstein March 21, 2026
Dear ZhongMei, dear Elias, dear friends of Richard’s!
My name is Eugen Freund and I come from Vienna.
I’m the only one with an accent here. But I am – most likely – also the only one who knew Richard for a time span of 42 years: We met in 1983 when Richard was a correspondent at the United Nations and I was press attaché at the Austrian Mission to the UN. And I was lucky (as sad as this last encounter was) to be with him only a few days before he passed away a year ago. I had come with my daughter whom Zhong Mei and Richard had kindly hosted a few years ago for a couple of nights. I can’t say he was full of energy, no, he was weak, lying on his bed, expecting a physio therapist. But mentally – he was his usual self, alert as always. He told me of his latest book project: „I’m almost finished,“ he said, and added, proudly: „My publisher told me, this is the best book I’ve ever written…“
It was another book that had sparked our communication, (like most of it on e-mail): „A Girl Named Faithful Plum“ that Richard wrote in 2016. I let him know what I thought about it, and he responded: „How nice to wake up Monday morning and find your heartening e-mail. Thank you, I’ll pass it along to Zhong Mei who, I certainly agree, is fabulous.“
Twenty years ago – in fact twenty one years – I came across an article Richard had written for the NYT. He was the German bureau chief at the time and by the headline you can tell that there are no bounds when it comes to reporting from a foreign country: „In Berlin, the enigma of the pooper scooper“. I wrote a letter to the editor – not to Richard – where I stated the following: „You just substitute “Berlin” with “Vienna”, and it is the same stinking story: But Richard Bernstein should be reminded why it is so much easier to clean up after dogs in New York or Washington: newspaper delivery is spotty here and so are hardly any of the convenient plastic bags – which newspapers in the US are delivered in and which law abiding US residents use to pick up the droppings of their dogs.“ My letter wasn’t published.
Another e-Mail that Richard wrote to me: „I’ve been thinking of you, in part after years of procrastination I’ve been reading Robert Musil „A Man Without Qualities“, because, as he continued, „I find it a bit like sifting through a rich pudding looking for walnuts and when you get to one, it’s the most delicious walnut you’ve ever eaten…but it takes more work than looking for walnuts usually require…I realize this email may seem just a bit punch drunk, but don’t be alarmed, I am my usual self, just feeling a little lucid this morning…“
Another Mail:
„We arrived in China last night after an interminable airplane experience. Nothing quite like sitting in economy class while the damp flesh of an overweight Chinese oozes over the arm rest of the seat next to you…“
Speaking of Chinese: There may be a few of you at the NYT who won’t like to hear that, but Richard was very upset about the nail salon story which appeared in 2015. I don’t want to go into the details of it. We mailed our reactions back and forth. At one point he wrote: „The Times itself still acknowledges no fault, but I guess they just can’t do it. It’s a big, lumbering, self-contented beast for which critics are mice, mosquitoes maybe, annoying creatures but not big enough to make it change course.“ That’s how furious, or better, how hurt he was.
But I would like to end on a more political note which plays right into the military events we are engulfed in today. Richard wrote an article about the situation in the Middle East. It couldn’t be more farsighted, and I quote: „Imagine that Iran continues to defy UN inspectors and build nuclear weapons, something that virtually all of the partners in the Atlantic alliance say it would be essential to stop, and, in response, the administration proposes leading a military action aimed at seizing the Iranian nuclear installations.
Perhaps some would agree, but it seems virtually axiomatic that in the wake of the Iraqi fiasco it would be vastly more difficult to persuade most of them to join the US, as they were persuaded in the Gulf in 1991, Bosnia in 1995, Kosovo in 1999 and Afghanistan in 2001.“
That was from 2004.
And Richard was right, again.
Thank you very much.
Im Anschluss an die Reden fand eine wunderbare Ballett-Aufführung statt, die ZhongMei für ihren verstorbenen Mann und für uns als Gäste inszenierte.