….Nicht alles gehört dabei in die Kategorie „politisch“. Einige Auszüge aus meinen unzähligen Berichten und ein paar skurrile Erinnerungen über die USA, im folgenden zusammengefasst.
Mein „Amerikanischer Traum“ hatte vier Räder. Es war im Mai 1968, als mein Vater nach einem kurzen Wien-Aufenthalt mit einem Chevrolet Impala SS (für „Super Sport“) Cabriolet zurückkam, 5 Meter 40 lang,
Der „Chevy“ mit meinem Vater, mir, meiner Schwester und dem Käufer aus Wien
zwei Meter breit, 5,4 Liter (nicht Benzinverbrauch, sondern Kubikinhalt) mit einem elektrischen Faltdach. Es war das ideale Fahrzeug für die schmalen Schotterstrassen in der Gemeinde St. Kanzian, wo er als Arzt tätig war. Obwohl ich erst siebzehn Jahre alt war und es damals noch keinen L-17-Führerschein gab, sass ich bald auch am Steuer, wurde so zum „King auf Klopeiner See“. Genauso war auch eine große Story betitelt, die im Dezember 2005 in der „Presse“ erschien.
Hier ein Auszug:
Eine wirklich orgiastische Erfahrung war das so genannte »Kick-down«: Ein plötzliches Durchtreten des Gaspedals ließ das Getriebe in den nächst niederen Gang schalten, der Motor röhrte auf und ab ging die Post. Tat man das ein paar Mal hintereinander, konnte man der Benzinuhr zusehen, wie sich der Zeiger gegen Null hinbewegte. Hinzu kam, dass die ungenaue, teigige Lenkung mit der rasanten Beschleunigung kaum mithalten konnte – entsprechendes Fahrkönnen war also Voraussetzung. Gut in Erinnerung sind mir auch noch die weit aufgerissenen Augen meines Klassenvorstandes, als ich einmal im Chevrolet zur Schule nach Klagenfurt fuhr: Gerade beim Einparken war neben mir auch Prof. Kropfitsch angekommen – er stieg, kopfschüttelnd, von seinem Fahrrad ab. Der Spaß mit dem Chevrolet dauerte leider nur zwei Jahre, wegen der Erkrankung meines Vaters mussten wir den Wagen wieder verkaufen: Zwei Autohaie aus Wien kamen, erstanden ihn um lächerliches Geld – und ich musste mich mit einer Klasse tiefer begnügen: einem Renault 4. The King Is Dead – Long Live the King!
Außenminister Willibald Pahr mit seinem Pressesekretär Eugen Freund bei der UNO in New York
Meine erste richtige US-Erfahrung hatte ich dann im September 1978, als ich als Pressesekretär des damaligen Außenministers Willibald Pahr zur Generalversammlung der Vereinten Nationen nach New York fuhr. Ich weiss – oder besser: damals wusste ich es noch nicht – New York ist nicht die USA, nur ein wichtiger Teil davon. Doch ich war beeindruckt: von den riesigen Wolkenkratzern, den schnurgeraden Fahrbahnen, die die Metropole kreuz und quer durchfurchen, von den roten Ampeln, die Eingeborene – oder zumindest Erfahrene – ohne Mühe überschreiten. Kein Autofahrer würde, wie in Wien, hupen und auf die Fussgänger losrasen.
Ein Jahr darauf machte ich mich in New York seßhaft. Derselbe Willibald Pahr hatte mir einen Job beim „Österreichischen Presse- und Informationsdienst“ angeboten, bei dem ich in den nächsten fünf Jahren tätig sein sollte. Immer wieder verfasste ich auch Artikel für österreichische Zeitungen, wie etwa im Oktober 1980 für die „Kärntner Tageszeitung“ über die Energiekrise, ausgelöst durch die Ölknappheit, die im Jahr davor begann:
Was dem Amerikaner erst seit der Irankrise dämmert, lässt jeden Europäer vor Wärme, die da verschwendet wird, erschaudern. Selbst im kalten Norden und Nordosten der Vereinigten Staaten gehören etwa Doppelfenster in Wohnhäusern zur Ausnahmeerscheinung. Andererseits wird so kräftig geheizt, dass ein erträglicher Aufenthalt (auch in Banken, Supermärkten oder Restaurants) nur in kurzen Hosen und ebensolchen Hemden möglich ist. (Der Autor hat in seiner Wohnung in Manhattan von 5 Heizkörpern gleich zu Beginn des Winters vier abgedreht. Der verbleibende heiße Heizkörper bekommt kräftige Unterstützung von wärmenden Wänden, hinter denen schlecht isolierte Heizungsstränge geführt werden). Die New Yorker Dampfheizung lässt sich am ehesten noch, ohne böse Übertreibung, mit dem Wiener Gasnetz vergleichen. Nur: Im Unterschied zu diesem ist ausströmender Dampf nicht zu übersehen, wenngleich ungefährlicher. So dampft und zischt es denn alle paar hundert Meter aus irgendeinem Kanaldeckel, mal kommt die heiße Luft auch durch den Asphaltboden, der dann langsam in sich zusammen fällt …
Natürlich schrieb ich auch über den Präsidenten. Nach dem farblosen Jimmy Carter war der ehemalige, wenn auch nicht sehr erfolgreiche Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan ein ganz anderes Kaliber. Seine schauspielerischen Erfahrungen deckten seine politischen Schwächen elegant zu. Im November 1982 kommentierte ich die kommenden Zwischenwahlen so:
Ronald Reagans Ausgangslage war klar: Gewinnen würde er bzw. seine republikanische Partei nicht. Die Frage war, mit welcher Verlusthöhe kann er noch behaupten, die Wähler würden seinen Kurs unterstützen.
Die vergangenen zwei Jahre waren ein Sturmritt des Erfolgs gewesen. Weniger in den politischen Auswirkungen seiner Programme und Prognosen, als vielmehr in der Art wie »Ronnie« Zweifler und politische Gegner für sich gewinnen konnte. Trotz fehlender Mehrheit im Repräsentantenhaus hatte der Präsident fast alle Gesetzesvorlagen durchbringen können.
Doch die Euphorie nach geschlagener Präsidentenschlacht schlägt bei Zwischenwahlen fast immer in Ernüchterung um. 15 bis 20 Kongressabgeordnete müssen im Durchschnitt nach zwei Jahren dafür büßen, dass der jeweilige Präsident die in ihn gesetzten Erwartungen nicht hat erfüllen können. Ronald Reagans fast ungebrochene Popularität, mehr aber noch sein sympathisches Auftreten, haben ihn sicher vor einem größeren Debakel bewahrt.
Auch die Freizeit sollte nicht zu kurz kommen. Ich hatte mir ein Surfbrett zugelegt, war einigermassen routiniert damit. Eines Tages entschlossen wir uns („wir“, das war mein ebenfalls sehr New-York-affiner Cousin Michael und ich) mit dem Surfbrett am Auto nach Brooklyn zu fahren
Eugen Freund segelt mit seinem Surfbrett vor der Skyline von Manhattan
und zu versuchen, dort im East River ein paar Runden zu drehen. Das ganze vor der Skyline von Manhattan, bessere Fotos konnte es kaum geben. Das „profil“ druckte ein Bild und (m)einen Text ab, den ich aus dem Gedächtnis zitiere: „Nachdem der East River nach dem Abgang von UNO-Generalsekretär Waldheim verwaist ist, segelt jetzt der
ehemalige ORF-Redakteur Eugen Freund auf dem Surfbrett zu seiner Arbeitsstätte. Er kommentierte sein Abenteuer so: „Weil unter den Lesern des Profil auch Frauen sind, möchte ich lieber nicht erwähnen, was ich alles im Fluss schwimmend gesehen habe…“
Kurz nach dem Amtsantritt von Bill Clinton, dem es gelang, einen amtierenden Präsidenten (George H.W. Bush) aus dem Weißen Haus zu vertreiben, arbeitete ich an einer Dokumentation, die aufzeigen sollte, wer die eigentliche Macht in den USA ausübt. Ich konzentrierte mich dabei, natürlich, auf den Präsidenten, den Kongress, den Obersten Gerichtshof und die Medien. Von all diesen Institutionen wollte ich eine signifikante Persönlichkeit interviewen und wandte mich an das ORF- Büro in Washington. Als ich darum bat, mir einen Senator zu
„organisieren“, übermittelte man mir die Antwort des damaligen Büroleiters Klaus Emmerich: „Ein amerikanischer Senator spricht nicht mit einem österreichischen Journalisten.“ Die Erklärung dafür war, dass ausländische Medien absolut nichts zum Standing eines US-Politikers beitragen würden, und sie daher keinen Sinn sähen, die Zeit mit einem österreichischen Reporter zu verbringen. Dass ich auf Grund persönlicher Beziehungen danach sowohl den bekanntesten Senator, Edward „Ted“ Kennedy, und John Warner, der mit Elizabeth Taylor verheiratet war, vor das Mikrophon bringen konnte, hatte meine Beziehung zu Klaus Emmerich auch nicht gerade verbessert.
Mein kurzes „Interview“ mit Bill Clinton, im Juni 2001 (es gab freilich eine Antwort, nur nicht in diesem Segment)
Bill Clinton kam in meiner Berichterstattung (die ich ab 1995 als Washington-Korrespondent vor Ort aufgenommen hatte) natürlich hunderte Male vor. In einem aussergewöhnlichen Umstand unterschied er sich jedoch von den meisten seiner Vorgänger. Im Dezember 1998 musste er sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen. Anlass dafür waren sein „Verhältnis“ mit einer Praktikantin und sein ebensolches zur Wahrheit („I did not have sex with that woman, Ms. Lewinsky“). Darüber berichtete ich damals unter anderem so:
Was für ein schwarzer Freitag für Bill Clinton – nicht einmal die weiße Säule wollte ihm Platz machen: Es war tatsächlich ein symbolischer Anblick, wie da der amerikanische Präsident zum Podium schreitet, eine Kurve um den Bruchteil einer Sekunde zu früh nimmt, und mit seiner rechten Schulter in eine
Säule des Weißen Hauses kracht – nur einen Augenblick, bevor er mit seiner Entschuldigungsrede oder Zerknirschungs-Rede oder Wiedergutmachungs-Rede oder Verzweiflungs-Rede beginnt: Aber zu dem Zeitpunkt war der Zug bereits abgefahren. Ja, er nähert sich so unaufhaltsam und ungebremst dem Ziel, dass es herkuleanischer Anstrengungen bedürfen wird, ihn doch noch im letzten Augenblick zum Stehen zu bringen. Das Amtsenthebungsverfahren ist eingeleitet, ein historischer Augenblick für die USA, schließlich hat es das in der über 200 Jahre alten Ge- schichte bislang erst drei Mal gegeben. Bei Richard Nixon vor einem knappen Vierteljahrhundert hat die Abstimmung im Justizausschuss ausgereicht, den Präsidenten zum Rücktritt zu veranlassen, Bill Clinton wird es wohl bis zum Ende ausfechten…
Und er hat. Und blieb, bis heute, einer der populärsten Präsidenten.
Von all den Ereignissen, die die USA in meiner Zeit als Berichterstatter prägten, ist mir natürlich der 11. September 2001 in bester, wenn auch grausamer Erinnerung. Ich war gerade erst als Korrespondent nach Wien zurückgekehrt, hatte zumindest einen provisorischen Schreibtisch zugewiesen bekommen, niemand wusste so richtig, was mit mir anzufangen sei. Am 11. September begann, wie immer, die Nachmittags-Konferenz um 14.30 Uhr. Ein paar Minuten danach bemerkte ich, dass das TV-Gerät nicht eingeschaltet war, auf dem fast immer CNN lief. Ich schaltete es ein und plötzlich erschien dort eine Ultra-Nahaufnahme eines brennenden Gebäudes. „Das ist das World Trade Center“, rief ich in die Runde. Wir alle starrten auf den Bildschirm. Kurz danach lief Hannelore Veit ins Studio, das laufende Programm wurde unterbrochen und Hannelore schilderte, was man bisher wusste. Nach einer kurzen Unterbrechung kam sie wieder ins Bild und verkündete die legendären Worte: „Wir melden uns für eine kurze Sondersendung zurück.“ Daraus wurde die längste Info- Berichterstattung, die der ORF jemals auf Sendung brachte. Und ich war auch dabei. Denn zuvor hatte eine Sekretärin mir mitgeteilt, ich solle ins Studio kommen, um als Übersetzer auszuhelfen. „Ich bin ja kein Dolmetscher“, reagierte ich sauer. Und das war ich dann auch die nächsten Stunden nicht, denn mein langer Aufenthalt in New York, auch die Flüge vorbei am World Trade Center, verschafften mir eine Expertise, die ich dann auch in die Live-Übertragung mit einbringen konnte.
Bis jetzt ist es mir gelungen, ohne den Namen des derzeitigen Präsidenten auszukommen. Und doch wird das nicht bis zum Ende
funktionieren. Denn kaum ein Präsident in der 250-jährigen Geschichte der Vereinigten Staaten hat, oder sagen wir: in den vergangenen einhundert Jahren der USA, hat sein Land so sehr verändert, wie der bislang älteste Bewohner des Weißen Hauses. Doch noch wesentlicher ist die Frage, wie sehr wird er es bis zum Ende seiner Amtszeit (und die wird kommen, sooner rather than later) noch so ummodeln, dass vieles, was dieses Land ausgemacht hat, nicht mehr erkennbar sein wird. Das betrifft alles, was mit Einwanderung zu tun hat (wenn es nach diesem Präsidenten ginge, hätte nicht einmal sein Großvater aus Deutschland seinen Fuss an Land setzen dürfen), mit der Deportation, mit dem Auftreten von Polizei und sonstigen Einsatzkräften, mit der Unabhängigkeit der Justiz, mit der Rechtsstaatlichkeit, mit der Freiheit der Medien, mit dem Zugang der Bürger zu Wahlurnen, und vieles mehr. Selbst über die Ausrufung von Kriegserklärungen, die eines Beschlusses des Kongresses bedürfen, setzt er sich hinweg. Sein erratisches Verhalten wird mit zunehmendem Alter immer größer, auch immer schwerer vorauszusagen. Wird ihn noch jemand daran hindern, seinen Finger auf jenen Knopf zu legen, der einen Atomangriff auslösen kann?