„Tut einfach so, als würde ich auf dem Stimmzettel stehen!“ Landauf, landab predigte der egozentrische Präsident, wie sich sein Stimmvieh zu verhalten hätte. Und sie folgten Donald Trump. Sie stimmten so, als wäre er auf dem Stimmzettel gestanden: gegen ihn. Daraus lassen sich positive und negative Schlüsse ziehen. Zum einen erlitt die Politik Donald Trumps eine verheerende Niederlage, zum anderen – eben weil er nicht zur Wahl stand – ist Trump weiterhin Präsident. Und wird es noch wohl zwei Jahre bleiben. Das heisst nichts anderes als dass die Amtsführung des Mannes im Weissen Haus noch sprunghafter, noch irrationaler, noch weniger berechenbar sein wird. Und ob er sich tatsächlich von einer demokratischen Mehrheit in beiden Häusern des Congresses einbremsen wird lassen, ist alles andere als gewiss. Schliesslich hat er sich in der Vergangenheit in viele Fällen um keine Mehrheiten geschert sondern einfach mit „Executive Orders“, also Dekreten, regiert, auf denen er nur seine Unterschrift applizieren musste.

Was ebenfalls auffällt – der über 80-jährige „glänzt“ mit seltsamen Reden: er wiederholt bei einer Ansprache ganze Passagen, sie werden, so fand die „New York Times“ heraus, immer ordinärer, zuletzt sprach er die Hinterteile so mancher Kandidaten an, was Dan McAdams, einem Universitätsprofessor und Psychologen zu der Erklärung veranlasste: „Irgendetwas ändert sich bei Trump, er scheint seine Fähigkeiten, sich selbst zu regulieren zu verlieren – das war bei ihm aber ohnehin nie ausgeprägt.“ Andere Experten halten das für ein reines Ablenkungsmanöver, vor allem in den sozialen Medien wird dann nicht über die „Wirtschaft“ gesprochen, sondern über die Ärsche von Männern. Doch: hat es geholfen? Ganz offensichtlich nicht.
Viele der Kandidaten, die er ausdrücklich unterstützt hatte, verloren die Wahl. Und gleichzeitig ereignete sich Außergewöhnliches. Im Bundesstaat Kansas wurde erstmals seit 1939 wieder ein Demokrat in den Senat gewählt, in Texas waren es 38 Jahre, seit wieder einem demokratischen Senator der Sprung ins oberste Parlament gelang. Und das, obwohl Elon Musk fast eine halbe Milliarde Dollar in den Wahlkampf steckte, für seine(n) republikanischen Unterstützer. Verbranntes Geld, ein zusätzlicher Gewinn aus demokratischer Sicht (auch wenn es für Musk nur Kleingeld ist…)
Gesellschaftspolitisch haben die Zwischenwahlen allerdings ein wirkliches Phänomen gezeigt – das Ende der Macht der „alten Weissen Männer“ ist eingeläutet. Immer mehr Frauen, mehr Latinos, mehr Schwarze, sogar ein offener Homosexueller, ja, ein Moslem, werden dem Senat in Hinkunft mehr Farbe verleihen.
Und mit Hakeem Jeffries stellt die afro-amerikanische Community in Hinkunft auch den „Speaker of the House“ und damit den drittmächtigsten Politiker des Landes.
Tatsächlich haben diese Wahlen, bei denen ja auch Gouverneure und Sheriffs gewählt wurden, viele neue Gesichter gebracht – und werden damit in den meisten Fällen auch eine neue Politik einleiten.
Doch was bedeutet das nun für die Wahlen in zwei Jahren, in denen es wieder um den Präsidenten und damit um die Nachfolge von Donald Trump geht. So geeint, wie die Republikaner erscheinen, sind sie ohnehin nicht. Es gibt schliesslich neben den engsten Anhängern von Donald Trump, wie dem Vizepräsidenten J.D. Vance, auch solche, die skeptisch sind, dass diese Politik noch zu einer Mehrheit führen kann. Dazu gehört etwa Außenminister Marco Rubio, der sich – um sich zu profilieren – möglicher- weise in den nächsten Monaten noch deutlicher von Trump distanzieren wird. Um einiges schwieriger wird es auf der Seite der Demokraten. Dort gibt es tatsächlich eine Spaltung zwischen den Links-progressiven „Sozialisten“, wie Zoran Mamdani, dem Bürgermeister von New York und jenen eher rechten Pragmatikern, die überzeugt sind, dass man mit „Sozialismus“ im Kernland keine Wahlen gewinnen wird. „Never a dull moment“ – „Es ist niemals langweilig,“ das sagte ich schon vor 25 Jahren, bei meinem Abschied als Korrespondent aus den USA. Um wieviel richtiger ist das heute.